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22. August 2012

Leitartikel zu E10: Auf den Tisch statt in den Tank

 Von Jakob Schlandt
Biosprit sorgt nach wie vor für Diskussionen.  Foto: dpa/Archiv

Längst setzt die knappe und teure Energie den Preiskorridor für Nahrungsmittel. Konkret wird zum Beispiel die Biospritproduktion in Brasilien ausgeweitet, sobald der Ölpreis steigt. Damit verknappt sich wiederum das Nahrungsmittelangebot.

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Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hat mit seiner populistischen Forderung, die gesetzlich vorgeschriebene Beimischung von pflanzlichem Ethanol zum Benzin (E10) komplett abzuschaffen, eine erstaunliche Allianz hinter sich vereint. Umweltverbände, kirchliche Organisationen und sogar die Grünen haben sich inzwischen vom Biosprit distanziert.

Dutzende Studien beschäftigen sich mit der Frage, ob Umwelt und Klimaschutz profitieren oder nicht. Die Bilanz schillert wie eine Öllache: Mal sind die Autoren optimistisch, dass strenge Regeln eine gute Klimabilanz sicherstellen, mal wird Biosprit in Bausch und Bogen abgelehnt. Tatsächlich ließen sich viele Probleme in den Griff bekommen, wenn strenge Regeln gegen Monokulturen, Flächenverbrauch und ineffiziente Biospritvarianten bestünden.

Im Kern geht es bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Biosprit aber nicht um die Umweltbilanz. Sondern um die Antwort auf eine einfache Frage: Wo sollen die Früchte des Ackerbaus landen: im Tank oder auf dem Tisch?

Nahrungsmittel- und Mobilitätsmarkt waren in den vergangenen einhundert Jahren weitgehend voneinander getrennt. Doch das ist historisch betrachtet eine Anomalie. Erst das Kohlenstoff-Zeitalter entkoppelte durch Öl, Gas und Kohle aus den Tiefen der Erde das Transportwesen in den Industriegesellschaften fast vollständig von der Nahrungserzeugung. Zuvor war es völlig normal, dass Frachtraten und Transportentgelte eng mit der Ernte korrespondierten. Ein arbeitendes Pferd verbraucht leicht zehnmal so viele Kalorien wie ein Mensch.

Nun sind es Autos und Laster, die gefüttert werden wollen – neuerdings mit Ethanol aus Zuckerrohr, mit Biodiesel aus Raps und Soja. In Biogasanlagen wird in großen Mengen Mais eingesetzt. Die Folge: Rohstoff- und Agrarmärkte lassen sich kaum noch voneinander trennen. Andersherum korrespondieren Nahrung und Energie ebenfalls. Mit zunehmender Ölknappheit wird Dünger teurer, damit steigen die Produktionskosten für Landwirte.

Knappe und teure Energie setzt Preiskorridor für Nahrungsmittel

Längst setzt die knappe und teure Energie deshalb den Preiskorridor für Nahrungsmittel. Konkret wird zum Beispiel die Biospritproduktion in Brasilien ausgeweitet, sobald der Ölpreis steigt. Damit verknappt sich wiederum das Nahrungsmittelangebot, der Preis steigt. Dass in den USA etwa 40 Prozent der Maisernte für Biosprit verwendet werden, liegt zwar an staatlichen Regeln und folgt noch nicht der Logik des Marktes. Doch der Abstand ist nicht mehr groß: Steigen die Ölpreise noch ein wenig, würde sich Biosprit dort ohne Beimischungsvorschriften lohnen.

Der Energiemarkt lässt sich nicht mehr ohne den Agrarmarkt denken – und andersherum. Die Fieberkurven der Börsen zeigen das. Öl und Nahrungsmittel laufen zunehmend im Gleichschritt. Jede Kalorie, ob sie nun in einem Tröpfchen Öl oder einem Weizenkorn steckt, bekommt einen ähnlichen Preis. Verstärkt wird dieser Trend durch spekulatives Geld, das in unterschiedlichste Rohstoffe parallel hineingepumpt oder herausgezogen wird.

Das war lange anders. Auf den Ölpreisschock 1973 reagierte der Weizenpreis praktisch nicht. Zum Teil ist diese Entwicklung unvermeidlich. Das Entstehen globaler Spekulationsmärkte und die Verwendung von energiereichen Düngern in der Landwirtschaft können kaum rückgängig gemacht werden. Die Politik hat dennoch Spielraum. Sie kann sich entscheiden: Soll sie noch mehr Verknüpfungen zwischen Energie- und Rohstoffmarkt schaffen, indem sie den Anbau von Energiepflanzen systematisch fördert und ausbaut?

Handelte es sich um zwei ähnlich knapp versorgte Märkte, wäre das Verschmelzen nicht weiter tragisch. Doch das ist nicht der Fall. Die Welt befindet sich mitten einer ausgewachsenen Energiekrise. Besonders Öl ist äußerst rar und damit teuer, begehrt und hartumkämpft. Der globale Nahrungsmittelmarkt dagegen wäre sehr gut versorgt – würden die Erträge einigermaßen gerecht verteilt.

Dramatische Versorgungs- und Hungerkrisen drohen

Je mehr Nahrungsmittel aber in den Energiemarkt fließen, desto weniger ist das der Fall, und desto dramatischer werden in Zukunft auch Versorgungs- und Hungerkrisen ausfallen. So wird das eine Problem – die Beschaffung von Energie für Mobilität, Stromerzeugung und Wärme – mit dem Ausweichen auf pflanzliche Ressourcen abgemildert.

Doch damit wird gleichzeitig der Versuch erschwert, die Nahrungsmittelversorgung der Welt sicherzustellen. Billige Energie macht uns reicher und das Leben deutlich angenehmer. Günstige Nahrungsmittel sind ein Grundbedürfnis. Was ist wichtiger? Wer weiterhin dem starken Ausbau der Bioenergie das Wort redet, der gibt eine zynische Antwort.

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