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Leitartikel zu G8: Am Zwei-Grad-Limit

Die Botschaft aus L'Aquila klingt gut: Der Erde soll es nicht zu warm werden, alle wollen sich an die Zwei-Grad-Grenze halten. Aber wer dafür was tun muss, ist offen. Von Joachim Wille

Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Zwei Grad Celsius mehr? Hier und heute fast unerheblich. Ob es draußen nun 15 Grad sind oder 17 - das sieht man nur am Thermometer, spüren kann man es nicht. Doch zwei Grad machen einen Riesenunterschied, wenn es um die Durchschnittstemperatur der Erde geht, die bei besagten 15 Grad liegt.

Ab zwei Grad plus drohen die Regenwälder am Amazonas und Kongo auszutrocknen, die die Wettermaschine der Erde sind. Es würden die Hochgebirgs-Gletscher völlig verschwinden, aus denen hunderte Millionen Menschen ihr Wasser bekommen, und Unmengen Methan aus auftauenden Dauerfrost-Böden entweichen.

Der Treibhauseffekt könnte sich dramatisch beschleunigen, was Not und Elend ungekannten Ausmaßes über die Erde brächte. Ist es also ein Durchbruch in der Klimapolitik, wenn die "Zwei Grad-Grenze" nun endlich akzeptiertes Ziel jener Länder wird, die den welthistorischen Schlamassel angerichtet haben und anrichten? Es ist einer, über den niemand jubeln mag. Einer nämlich, bei dem - wie beim Durchbrechen einer Wand - nach dem ersten Loch im Beton die richtige Arbeit erst noch kommt.

Nur das Fernziel steht, wenn heute im italienischen Gipfelort L'Aquila die alten Industriestaaten und die Schwellenländer, die zusammen zwei Drittel der aktuellen CO2-Emissionen in die Atmosphäre pusten, der von den Klimaforschern vorgegebenen Linie folgen und dies in ihrem Klima-Dokument fixieren. Das ist ein kleiner gemeinsamer Nenner - nicht mehr.

Noch weniger hätten die globalen Klima-Einheizer der interessierten Weltöffentlichkeit ja wohl auch kaum zuzumuten können. Es hätte Schlagzeilen gegeben wie "G20 wollen Klimakatastrophe". Das entspricht wohl dem heute vielfach noch verbreiteten Handeln - von den Öljunkies in den Vereinigten Staaten, den Kohleverbrennern in China bis zu Regenwald-Abfacklern in Indonesien. Doch als politisches Ziel hat es ausgedient. Das ist ein Fortschritt, wie gesagt, aber einer, der bei weitem nicht reicht.

Altes Fass neu aufgemacht

Wie man dahin kommt, den Treibhausgas-Ausstoß zu drücken? Das bleibt umstritten, obwohl die Zeit bis zum Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen im knapper wird. Das ist immerhin das Treffen, das eine Gruppe Nobelpreisträger jüngst "als wichtigste Konferenz in der Geschichte der Menschheit" bezeichnet hat, weil hier der Hebel umgelegt werden muss, den man in 1997 Kyoto gerade mal in die Hand genommen hat.

In L'Aquila hakte es schon bei dem Versuch, die "Zwei Grad" in ein konkretes globales CO2-Ziel für 2050 zu übersetzen, eigentlich bloß eine Rechenaufgabe, die Klimaforscher längst erledigt haben. Bis zur Jahrhundertmitte ist mindestens eine Halbierung der weltweiten Emissionen nötig, so stand es auch schon im vorbereiteten Entwurf des Gipfel-Papiers der erweiterten G8-Runde, an der auch die Schwellenländer wie China, Brasilien und Südafrika teilnehmen.

Doch das Fass wurde neu aufgemacht. Immerhin stehen die Obama-USA in diesem Punkt inzwischen an der Seite der "fortschrittlichen" Europäer, die sich noch mit Grausen an das Gewürge beim Vorläufergipfel in Heiligendamm anno 2007 erinnern. Das ist ein wichtiger Fortschritt, doch ein Einlenken Washingtons ist in einer globalisierten Welt mit ihrer veränderten Macht- und CO2-Bilanz längst nicht genug.

Die Hoffung, L'Aquila könnte den Klimapoker beenden, hat getrogen. Das Spiel um die Erde, bei dem die Staatengruppen nach Kräften bluffen wird, geht weiter. Die Lage ist im Grunde so verzwickt wie vorher. Schwellenländer wie China - inzwischen vor den USA zum größten globalen Klimasünder geworden - geben zwar zu: Auch sie müssen künftig ihren Emissionszuwachs kappen und dann richtig auf die CO2-Bremse steigen.

Nur festlegen wollen sie sich nicht, denn die Industrieländer sollen erstmal für sich selbst ambitionierte CO2-Ziele für 2020 aufstellen und viel Geld für Klimaanpassung und grüne Technologie an die Schwellen- und Entwicklungsländern. Umgekehrt gilt: Die EU, USA, Australien und Co wollen nicht die Katze im Sack kaufen, indem sie sich auf zig Milliarden Klimahilfe jährlich festlegen, ohne zu wissen, ob China und Co. ihren fairen Teil der CO2-Einsparlast tragen werden. Beide Seiten haben Recht. Aber solange beide nur Recht haben wollen, geht es nicht voran.

P.S. Bis zum Klimagipfel in Kopenhagen sind es noch genau 150 Tage.

Autor:  JOACHIM WILLE
Datum:  8 | 7 | 2009
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