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01. März 2011

Leitartikel zu Guttenbergs Rücktritt: Der Scheinaufrichtige

 Von 
FR-Chefredakteur Joachim Frank. 

Für seinen Rücktritt darf Guttenberg, wie er richtig erkannt hat, tatsächlich keinen Respekt erwarten. Persönliches Format ist keine Frage pathetischer Formulierungen.

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Karl-Theodor zu Guttenberg ist mit einem seltenen Kunststück von der politischen Bühne abgetreten. Er hat die Zeitenfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgehoben. Seine Rücktrittserklärung als Minister geriet in Wahrheit zur Ankündigung eines Comebacks. Denn wie nur sollte Guttenbergs Partei in mittlerer Frist auf einen wie ihn verzichten können? Auf einen Herzblut-Politiker, einen von Verantwortung, Gestaltungswillen und – Achtung! – Anstand Geprägten und Getriebenen. So hat sich der CSU-Mann in seiner mit großen Worten gespickten Erklärung präsentiert. Genau darum verkam der Grund für seinen Sturz – der erschlichene Doktortitel – zur Fußnote einer einzigen Selbststilisierung. Die Behauptung der Aufrichtigkeit hat der Minister damit sogleich und aufs Neue Lügen gestraft.

Der Zeitpunkt seines Rücktritts orientierte sich nicht an Wasserstandsmeldungen zur Bundeswehrreform und schon gar nicht an Terminen für Trauerfeiern. Guttenberg gab auf in dem Moment, als die Empörung der Wissenschaftselite übermächtig, die Rückzugslinie der Union auf einen rein akademischen Lapsus durchlässig und erste Absetzbewegungen des Kanzleramts erkennbar wurden. Dass er sogar in dieser als unhaltbar erkannten Lage seinen furchterregend frivolen Hinweis auf die gefallenen Soldaten in Afghanistan wiederholte und noch verstärkte, sagt sehr viel über Guttenbergs selbstreferenziellen Begriff von Anstand. Er bezieht ihn allein auf seinen politischen und persönlichen Mikrokosmos – entgegen allen geflissentlichen Beteuerungen, Schaden von anderen abwenden zu wollen.

Nicht die Medien oder Guttenbergs Gegner haben die mehr als berechtigte Debatte über seine Glaubwürdigkeit „auf dem Rücken der Soldaten“ ausgetragen, sondern der Minister hat sich „zulasten“ der ihm Anvertrauten verteidigt. Ohne Eingeständnis eigenen Versagens und ohne echte Reue. Uneinsichtigkeit ist dafür eine zu harmlose Lesart. Vielmehr hat der Ex-Minister sehr bewusst einen Setzkasten mit Argumenten und Begriffen bestückt, aus denen sich das eigene Revival brillant bestreiten lassen wird. Diese bis zuletzt durchgehaltene Stilform der Scheinaufrichtigkeit ist auch der Grund, warum Guttenberg für seinen Rücktritt tatsächlich keinen Respekt erwarten darf, wie er es am Dienstag in einem kurzen Aufblitzen von Wahrheit festgestellt hat. Persönliches Format ist keine Frage pathetischer Formulierungen.

Auch die Kanzlerin hat sich in Betroffenheitsrhetorik ergangen, um den politischen Schaden zu kaschieren, der ihr aus der Affäre Guttenberg erwächst. Zu früh hat sie den Dissertations-Pfusch als Lappalie eines Jungakademikers abgetan und diesen gleichsam schizophren von Person und Amt ihres Ministers abzuspalten versucht. Ihr Argument, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten berufen, war ein rhetorischer Taschenspielertrick, bei dem Merkel auf die Bereitschaft des Publikums spekulierte, sich täuschen zu lassen. Es war aber ein strategischer Fehler zu glauben, das Image des adelig-untadeligen Publikumslieblings werde die Verdunkelung urkonservativer Tugenden wie Ehrlichkeit und Redlichkeit irgendwie überstrahlen. In Wahrheit hat Guttenberg genau hier versagt, wo er für die Union – und damit auch für Merkel – am wichtigsten war. Noch im Abgesang auf Guttenbergs „herausragende politische Begabung“ und seine Popularität hat die Kanzlerin deutlich die Betretenheit über den Verlust ihres Volksministers erkennen lassen, den sie am Ende weder guten Gewissens halten noch aus Überzeugung loswerden mochte. Eine Situation, in der Merkel nur verlieren konnte.

Spätestens in der Trauerphase droht Merkel eine weitere Gefahr. Die eigenen Leute und insbesondere jene, denen in der Merkel-Union die kuschelige Wärme des „Konservativen“ (was immer das sei) fehlt, werden die Parteichefin unter den Sam-Hawerfield-Verdacht stellen: Ähnlich abgebrüht wie der Trapper aus Karl Mays "Winnetou III", der stets eine Kerbe in den Schaft seiner Büchse schnitzt, wenn er einen Indianer getötet hat, werde Merkel Guttenbergs Sturz als (Aus-)Fall eines weiteren Konkurrenten um das Kanzleramt markieren. Diese maliziöse Betrachtung verkennt, dass Merkels Lage ohne Guttenberg erst einmal deutlich komplizierter geworden ist. Für die Großbaustelle Bundeswehr mag sie einen kompetenten Nachfolger finden; für das Unternehmen „Machterhalt der Union“ ist auf die Schnelle keiner in Sicht, der Guttenbergs Part übernehmen kann.

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