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Leitartikel zu Krümmel: Zeit zum Abschalten

Es reicht mit den Pannen in Schrottmeilern wie Krümmel. Vattenfall darf mit der riskanten Atomstrategie keinen Profit machen, Hände weg von längeren Laufzeiten. Von Joachim Wille

Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Der Juni war atomstromfrei - in Hamburg und in der ganzen Region. Die Gründe: Brunsbüttel und Krümmel, die Skandalreaktoren des Stromkonzerns Vattenfall, befanden sich in Reparatur, Brokdorf in Jahresrevision. Die drei großen nuklearen Megawatt-Maschinen lieferten keine Elektrizität. Niemand hat es gemerkt. Die Lichter sind nicht ausgegangen.

Am Wochenende dann stand Hamburg kurz vor dem Blackout. Nicht, weil sich zu wenige Atomkraftwerke am Netz befanden, sondern ein unsicheres zu viel: Krümmel. Es war wie die Schrift an der Wand, eine Mahnung an den Betreiber: Der Großteil der Verkehrsampeln in der Millionenstadt an der Elbe fiel aus. Treffender hätte man die Gefahr, die von Vattenfalls Altmeilern ausgeht, nicht signalisieren können. Ein Stromkonzern fährt eine hoch riskante Energiepolitik.

Vattenfalls Image ist nach dieser neuen Panne endgültig am Boden. Zwei Jahre sind seit dem spektakulären Transformatorenbrand vergangen, bei dem im AKW-Leitstand Gasmaken verteilt wurden, um die Kontrolle zu behalten. Es folgte ein Informations-Tohuwabohu. Und Köpfe rollten: Der Vorstandschef, der Atomchef und der Pressechef der deutschen Tochter des schwedischen Staatsunternehmens mussten gehen. Aber die Konzepte blieben. Vattenfall hielt am alten Kurs fest, der da heißt: Die fiskalisch abgeschriebenen, wenn sie laufen also hoch profitablen Altmeiler werden ausgelutscht, solange es irgend geht.

Der Konzern ließ Krümmel und lässt Brunsbüttel, seine von der Bauart her veralteten Siedewasser-Reaktoren, seit 2007 "ertüchtigen". Brunsbüttel, wo 2001 mit einer Knallgas-Explosion am Reaktor-Druckbehälter der wohl schwerste Störfall in einem deutschen AKW stattfand, ist immer noch abgeschaltet, vermutlich bis zum Herbst. Doch Krümmel sollte nun wieder in den "Normalbetrieb" gehen und dem Betreiber Vattenfall endlich neues Geld in die Kasse spülen, nachdem der rund 200 technische Änderungen durchführen ließ. Die Anfahr-Genehmigung kam am19. Juni, es dauerte vier Tage bis zur nächsten Störung, gut eine Woche bis zu einem Störfall, der ähnlich beim Trafobrand 2007 aufgetreten war. Und noch einmal drei Tage bis zum Hamburger Ampel-GAU.

Es wird eng für Vattenfall, zu Recht. Die für die Atomaufsicht zuständige Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die das Wiederanfahren von Krümmel gegen Proteste von Umweltschützern erlaubt hatte, lässt erneut die "Zuverlässigkeit" des Konzerns prüfen. Es ist klar: Der Persilschein, den sie ihm ausgestellt hatte, war das Papier nicht wert, auf dem er steht. Und selbst atomfromme Christdemokraten aus der Kieler Regierungspartei gehen auf Distanz zu dem Energieversorger, der das Leben der nuklearen Altlasten an der Elbe verlängern will. Wenn Vattenfall das politische Gewitter überstehen will, muss das Unternehmen mehr tun, als noch einmal widerwillig "Mea Culpa" zu rufen und weiter an den Meilern herumschrauben zu lassen. Es muss erkennen: Die veralteten Reaktoren sind nicht mehr zu retten. Es muss sie stilllegen.

Das Atomgesetz macht das im Prinzip einfach; die Stromkonzerne müssen ihre Profitmöglichkeiten nicht einmal ersatzlos aufgeben. Es erlaubt den AKW-Betreibern, nicht mehr genutzte Strommengen aus ihrem Nuklearkontingent auf andere, neuere, das heißt auch sicherere AKW zu übertragen. Vattenfall müsste einen entsprechenden Deal mit einem der anderen Stromkonzerne machen, weil es selbst nur Brunsbüttel und Krümmel betreibt. Das sollte möglich sein, die Sicherheit der Bevölkerung ist mehr wert als Profit, Aktienkurs und Dividende.

Einfach wäre diese Kehrtwende nicht, aber wegweisend. Gefragt ist deswegen auch die Politik. Vattenfall wird seine Konzernstrategie nur dann ändern, wenn Union und FDP endlich ihre Offensive zum Ausstieg aus dem Ausstieg abblasen und zu jenem Atomkonsens zurückkehren, der seit dem Jahr 2000 den gesellschaftlichen Konflikt um die Nuklearenergie deutlich entschärft hat. Bisher verfolgen sie das Gegenteil. Sie wollen, wenn es nach der Bundestagswahl für Schwarz-Gelb reicht, die Restlaufzeiten selbst für die ältesten und störanfälligsten AKW wie eben Brunsbüttel oder Biblis verlängern.

Noch ist Zeit umzusteuern. Die Hoffnung, aus der Laufzeit-Verlängerung einen Wahlkampf-Schlager zu machen, ist nach dem Hamburger Ampel-GAU ohnehin gestorben.

Autor:  JOACHIM WILLE
Datum:  5 | 7 | 2009
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