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31. Mai 2012

Leitartikel zu Vatileaks: Der Papst 
und wie er 
die Welt sieht

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Statt der vom Papst gepredigten „Entweltlichung“ bekäme ihm selbst und der Kirche beherzte Weltlichkeit weitaus besser. Foto: dpa

Papst Benedikt XVI. denkt die Wirklichkeit von oben her. Die Vatileaks verweisen auf 
ein Scheitern seines Pontifikats und 
des sogenannten Entweltlichungsprogramms.

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Feixen über den Intrigantenstadel am päpstlichen Hofe – nichts ist leichter als das. Die Fallhöhe zwischen dem hehren Anspruch und den bizarr-banalen Vorgängen an der Spitze der „Sancta Romana Ecclesia“ – der Heiligen Römischen Kirche – ist einfach zu enorm. Man kann die Affäre um Dokumentenklau vom Schreibtisch des Papstes samt wabernden Verschwörungstheorien natürlich auch weglamentieren und die Gemeinheit der Menschen im allgemeinen, manch geweihter Menschen im Besonderen bedauern, wie Benedikt XVI. selbst es tut.

Zur frommen Krisenbewältigung gehört es sodann, die Krise spirituell zu überhöhen: „Unser Leben und unser christlicher Weg sind häufig gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, Unverständnis und Leid“, sagt der Papst und gibt damit den Ton vor für alle, die nun umso fester an seiner Seite stehen möchten: Der Christ muss das Kreuz Christi tragen. Je schmerzlicher das Leid, desto authentischer die Nachfolge. So gerät noch der größte Missstand zur geistlichen Auferbauung, zum Triumph der Kirche über die böse Welt.

Ein Lehrstück anderer Art

Solche Selbstimmunisierung verkennt, dass „Vatileaks“ in Wahrheit ein Lehrstück ganz anderer Art ist: Statt der vom Papst gepredigten „Entweltlichung“ bekäme ihm selbst und der Kirche beherzte Weltlichkeit weitaus besser. Wer die Institution nämlich mit mehr oder weniger geringschätzigem Gestus von allen anderen sozialen Gefügen wie demokratisch verfassten Staaten abhebt, der stellt sich eine Falle und tappt unweigerlich hinein.

Interessenunterschiede, Konkurrenz um Macht und Einfluss, Streit um Vorrangstellungen gibt es überall, wo Menschen zusammenleben. Um diese Konflikte zu kanalisieren und zu regulieren, ist das Instrumentarium etwa der Soziologie und Psychologie – samt und sonders weltliche Disziplinen – allemal hilfreicher als Kontemplation und stilles Gebet.

Aus ihrer Geschichte ist der katholischen Kirche dieses Wissen keineswegs fremd. Zwar zeigte Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 Zeichen der Reue über einen pervertierten Umgang der Kirche mit weltlicher Macht. Aber im Grundsatz versteht sie sich bis heute als Erbin und Bewahrerin einer legitimen Tradition. Ihr Aufstieg von der verfolgten Minderheit im Römischen Reich zur staatstragenden Institution; das mittelalterliche Konzept eines päpstlichen „Diktats“ über Kaiser und Könige; der Ausbau des Papsttums zur heute weltweit einzigartigen absolutistischen Monarchie; schließlich die Konstituierung des Vatikans als Staatsgefüge und völkerrechtliches Subjekt – das alles sind Strategien einer entschiedenen Weltlichkeit.

Benedikt XVI. genießt die daraus erwachsenen Privilegien seines Amtes nach innen und außen durchaus. Aber er verweigert sich in den sieben Jahren an der Spitze der katholischen Kirche einer struktur- und machtbewussten Amtsausübung im positiven Sinne des Wortes. Zelebrieren ja, aber – um Gottes willen – bloß nicht regieren! So schreibt der Theologe im Papstgewand dicke Bücher.

Er verfolgt auf Biegen und Brechen Lieblingsprojekte wie die Wiedereingemeindung der reaktionären Sektierer aus der Piusbruderschaft. Er betreibt die Resakralisierung des kirchlichen Lebens, immer getragen von einem antimodernen Affekt. Dagegen hat er die Führung der Kurie, der Ministerien und Ämter im Vatikan, sträflich vernachlässigt. Damit freilich ist Benedikt unpäpstlicher als der Papst.

Das hat zum ersten mit seiner Persönlichkeit zu tun, was es schwermacht, ihn frontal anzugreifen. Wer kann schon aus seiner Haut? Joseph Ratzinger hat bei der Personalauswahl nie eine glückliche Hand bewiesen. Statt als Papst hätte er seine Tage in Rom lieber als Gelehrter im Studierstübchen beschlossen. Auch im Papstpalast pflegt er diesen Habitus, was noch anginge, wenn er nicht zugleich kuriale Schlüsselämter mit schwachen Figuren besetzt hätte, bewährte Strukturen kollegialer Leitung ignorierte und sich mit einer kleinen Schar von Hofschranzen umgäbe. Diese Kombination aber ist die zentrale Ursache für die Turbulenzen, in die Benedikt XVI. jetzt geraten ist.

Papst denkt die Wirklichkeit von oben her

Erschwerend wirkt sich hier seine geistige Verwurzelung im Platonismus aus. Der Papst denkt die Wirklichkeit von oben her: von der ewigen Idee, nicht von der konkreten geschichtlichen Gestalt. Ihm geht der Sinn für Strukturen ab, die auch die Institution Kirche „von unten“ formen und stabilisieren. Wie sich jetzt zeigt, gibt es Männer in Benedikts Umgebung, die diese Schwäche erkannt haben.

Ob sie darin nun eine Gefahr für die Kirche sehen oder schon auf Apokalypse im Vatikan und Nachfolgekampf umgeschaltet haben, ist offen. Jedenfalls greifen sie in ihrer Opposition zu höchst weltlichen Mitteln, zu Indiskretionen und Intrigen. Diese Pointe markiert noch vor dem Ende des Pontifikats ein Scheitern Papst Benedikts XVI. und seines Entweltlichungprogramms.

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