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10. April 2013

Leitartikel zu Wulff: Monsieur Bougran in Hannover

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Der Sumpf der Korruption, in dem die Ermittler Wulff versinken sahen, ist rückstandslos verdampft bis auf einen kleinen trüben Fleck.  Foto: AFP

Die Staatsanwaltschaft tut so, als ob der Fall Christian Wulff noch immer ein Fall wäre. Aber der Fall ist keiner mehr. Das Gebirge aus Verdächtigungen ist geschrumpft zu einem Sandkorn.

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Es ist nicht immer leicht zu erkennen, wann etwas aus und vorbei ist, das Kapitel beendet und die Akte geschlossen. Das ergreifendste Beispiel für das Unvermögen, sich in das Unabänderliche zu fügen und das Ende von etwas hinzunehmen, hat der Welt Monsieur Bougran gegeben. Der französische Beamte wird mit 50 Jahren unversehens in den Ruhestand versetzt, von einem Tag auf den anderen, angeblich wegen „moralischer Invalidität“. Anfangs vertreibt sich Bougran die Zeit mit Spaziergängen im Park, den er schon bald als „Pflanzenfolterkeller“ empfindet, dann aber verfällt er auf die Idee, sein Leben daheim genau so fortzusetzen, wie er es jahrzehntelang im Ministerium verbracht hat: Er richtet sein Zimmer ein wie das Büro im Ministerium, besorgt sich und bearbeitet Akten, die aussehen wie die im Ministerium, er stellt sogar einen Bediensteten ein, der die Akten hin und her trägt wie der Bürodiener. Monsieur Bougran, der Titelheld der Erzählung „Monsieur Bougran in Pension“ von J.-K. Huysmans (1848-1907), setzt sein vergangenes Leben fort und lebt im Modus des „als ob“.

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"Als ob" als Arbeitsprinzip

Das „als ob“ ist nicht nur das Lebensprinzip des Monsieur Bougran, es ist im Fall Christian Wulff auch das Arbeitsprinzip der Staatsanwaltschaft Hannover. Sie hat in den vergangenen 14 Monaten jeden Stein im Leben des gestürzten Bundespräsidenten umgedreht, mit unvergleichlichen Aufwand rund 100 Zeugen – vom Kindermädchen bis zum Leibwächter – vernommen, fast 40 Telefonanschlüsse überprüft, sich sogar nach Rabatten für Strandkörbe erkundigt – immer auf der Suche nach dem entscheidenden Indiz, mit dem sich der Verdacht der Korruption belegen ließe. Über diesen Verdacht ist Wulff vor gut einem Jahr gestürzt, dieser Verdacht hat das Ermittlungsverfahren zu einem der spektakulärsten in der Geschichte der Bundesrepublik gemacht. Der Verdacht, der erste Mann der Republik könnte bestechlich sein, hat das Land aufgewühlt wie lange nichts, er hat die Medien zu Höchst- und Tiefstleistungen angespornt wie nur wenige Skandale, und er hat die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens bei der Staatsanwaltschaft Hannover geradezu erzwungen.

Am Ende aber ist das gewaltige Gebirge aus Verdächtigungen, Gerüchten und Vermutungen, das sich monatelang über Wulff türmte, geschrumpft zu einem Sandkorn, der Sumpf der Korruption, in dem die Ermittler Wulff versinken sahen, rückstandslos verdampft bis auf einen kleinen trüben Fleck. Aber der Fleck darf kein Fleck, sondern muss ein Sumpf sein, weil nur der Vorwurf der Korruption die Verbissenheit rechtfertigt, mit der die Staatsanwaltschaft noch immer das Verfahren gegen Wulff betreibt, und die Entschlossenheit erklärt, den Mann vor Gericht zu zerren. So drehen die Ermittler aus der Bezahlung einer Übernachtung durch einen befreundeten Filmproduzenten Wulff den Strick der Bestechlichkeit.

In der Ahnengalerie der Bundespräsidenten mag Wulff kein Schmuckstück sein, aber so billig, dass er sich für ein paar Hundert lumpige Euro hätte kaufen lassen, war er bestimmt nicht zu haben.

Wäre die Staatsanwaltschaft die „objektive Behörde“, die zu sein sie behauptet, dann hätte sie auch in diesem Verfahren Be- und Entlastendes zusammengetragen, am Ende beides gegeneinander abgewogen und – das Verfahren eingestellt. Wulff hat gelogen, aber das ist nicht strafbar. Er hat den niedersächsischen Landtag und die deutsche Öffentlichkeit getäuscht, sich mit falschen Freunden aus der Welt des Glamour umgeben, er hat vieles getan, was dem Ansehen des Amtes vorübergehend geschadet und sein eigenes Ansehen dauerhaft ruiniert hat – aber auch das ist alles nicht strafbar.

Gericht könnte Anklage abweisen

Die Staatsanwaltschaft tut so, als ob sie Wulff mit dem Vorschlag, das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage einzustellen, ein generöses Angebot gemacht habe. Sie tut so, als ob sie Wulff ein Schlupfloch geöffnet habe, durch das er – gegen Bezahlung – seiner Verurteilung entkommen könne. Sie tut so, als ob der Fall Christian Wulff noch immer ein Fall wäre. Aber der Fall ist keiner mehr, die Staatsanwaltschaft Hannover tut nur noch so, als ob.

Das muss Wulff sich nicht gefallen lassen. Er hat das Angebot der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen. Mit seiner Anklage ist bald zu rechnen. Es ist nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich und mit guten Gründen zu wünschen, dass das Gericht die Anklage gar nicht erst zulassen wird.

Den Staatsanwälten aber sei empfohlen, die Geschichte von Monsieur Bougran bei Gelegenheit zu lesen. Der Vorwurf der „moralischen Invalidität“, mit dem ihn sein Dienstherr in den Ruhestand schickte, bekommt im Fall der Hannoveraner Ermittler eine bedrückende Relevanz.

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