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28. Juli 2011

Leitartikel zum Antiislamismus: Breivik und Broder

 Von 
Christian Bommarius

Aggressiven Antiislamismus verbreiten auch deutsche Publizisten. In Mithaftung für die Mordtat von Oslo sind sie nicht zu nehmen. Aber verbale Abrüstung wird dringend empfohlen.

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Wie entsteht Gewalt, terroristische Gewalt, die lustvoll Angst und Schrecken verbreitet? Die Überlegungen, mit denen die Experten nach den antiislamischen Anschlägen in Norwegen aufwarten, lesen sich kompliziert und für manchen schwer verständlich. Erfreulich übersichtlich, also medientauglich sind hingegen die Erklärungen, die der Publizist Henryk M. Broder bereithält.

Vor fünf Jahren kam der Film „Tal der Wölfe“ des türkischen Regisseurs Serdar Akar in die deutschen Kinos, ein islamisch nationalistischer Agitprop-Streifen, der vor allem bei türkischen Jugendlichen begeisterten Zuspruch fand. Broder empörte sich: „Die Kids jubeln, wenn Amis in kleine Stücke zerlegt werden, und klatschen Beifall, wenn es Juden an den Kragen geht.“

Diese „Kids“ tobten ihren Frust an der eigenen Lage und ihren Hass gegen die „Gesellschaft“ auf der Straße aus, den „extra Kick“ liefere das „Tal der Wölfe“. Broders Resümee: „So führt eine direkte Linie von der Al Kaida im Irak und der Intifada in Palästina zu den Jugendlichen mit ‚Migrationshintergrund‘ in Neukölln und Moabit.“

Zwar verstieg sich Broder nicht zur These, dass der Film junge Zuschauer in islamistische Selbstmordattentäter verwandle, aber natürlich – die latente Gewaltbereitschaft in der deutschen Gesellschaft isolierter Migrantenkinder mag er als „extra Kick“ in dem einen oder anderen Fall gefördert haben.

Hämmernder Polemikroboter

Der norwegische Massenmörder Anders Breivik hat sich in seinem 1 500-seitigen Manifest, in dem er die Motive seiner Verbrechen darlegte und die Morde zu legitimieren versuchte, vor allem auf Texte des islamophoben norwegischen Bloggers „Fjordman“ gestützt, der wiederum Äußerungen Broders zustimmend zitierte. In seinem Kampf gegen den „Multikulturalismus“ und gegen die „Islamisierung“ Europas hatte „Fjordman“ angedroht: „Wir werden die angemessenen Maßnahmen ergreifen, um unsere Sicherheit und unser nationales Überleben sicherzustellen.“

Nun, nachdem der norwegische Massenmörder Breivik ihm angemessen erscheinende Maßnahmen ergriffen hat, gibt sich „Fjordman“ im Internet „absolut entsetzt“. Henryk M. Broder, der Tag und Nacht hämmernde Polemikroboter der deutschen Publizistik, hatte Breivik und „Fjordman“ mit der Äußerung erfreut, wäre er jünger, würde er Europa verlassen und in ein Land ziehen, das nicht von der „schleichenden Islamisierung“ bedroht sei. Er würde „es heute wieder genau so sagen“, versichert Broder, der offenbar nicht einmal im Traum darauf kommt, dass Anders Breivik in Broders und „Fjordmans“ islamfeindlichen Gerede jenen „extra Kick“, nämlich die Bestätigung , gefunden haben könnte, die türkische „Kids“ in einem Agitprop-Film suchten.


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Henryk M. Broder ist – neben Thilo Sarrazin – die lauteste Stimme der Islamophobie in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Der Antiislamismus als Ressentiment, wie er sich in der Mitte der deutschen Gesellschaft herausgebildet hat, ist nicht zum Geringsten Broders Verdienst. Sein Witz ist Demagogie, sein Argument Polemik. Was aber ist das Ziel eines Autors, der die Lage mit folgenden Worten beschreibt: „ Wie die Appeasement-Politik gegenüber Hitler die expansive Haltung der Nazis nur befördert hat, so laufen die Europäer mit ihrer Politik der Beschwichtigung heute Gefahr, die Transformation Europas zu einem islamischen Kontinent zu beschleunigen.“

Entrebillett für aggressiven Antiislamismus

Wer so etwas schreibt, der verteidigt nicht die von ihm angeblich verteidigte westliche Kultur, der verteidigt nicht die von ihm angeblich verteidigte Zivilgesellschaft, er verteidigt nichts und niemanden – er ruft zum Angriff, zum Präventivschlag in vermeintlich letzter Sekunde.

Es wäre demagogisch, Broder und andere deutsche Islamophobe zu geistigen Brandstiftern zu erklären und für Breiviks Verbrechen in Mithaftung zu nehmen. Aber richtig ist eben auch, dass Schriften, wie sie Broder verbreitet, das Entrebillett für den aggressiven Antiislamismus bilden, der nicht nur die deutsche, sondern fast alle europäischen Gesellschaften befallen hat. Spätestens nach den Morden Breiviks empfiehlt sich dringend verbale Abrüstung. Breivik stellte seinem Manifest beziehungsreich die Jahreszahl „2083“ – vierhundert Jahre nach der Belagerung Wiens durch die Türken – voran.

Dazu der Satz: „Nach den Niederlagen von Poitiers (732) und Wien (1683) sollen die Europäer nun mit den Waffen der Demografie besiegt werden.“ Aber den Satz schrieb nicht Breivik. Er stammt von Henryk M. Broder.

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