Niemand ist ausspioniert, abgehört oder bespitzelt worden, schrieb Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vor wenigen Tagen in einem Brief an die Beschäftigten des Konzerns. Der in der Öffentlichkeit entstandene Eindruck eines Überwachungsskandals sei falsch.
Man sei allenfalls ein wenig übereifrig gewesen. Falsch verstandene Gründlichkeit nannte Mehdorn den Abgleich der Daten von 173.000 Mitarbeitern in den Jahren 2002 und 2003. Dass die Gründlichkeit im Umgang mit Informationen über Mitarbeiter auch später ihre Fortsetzung fand, lässt nun erneut Forderungen nach einem Rücktritt des Herrn der Züge laut werden.
Der fragwürdige Umgang mit Daten der Beschäftigten wurde in der vergangenen Woche allenfalls durch miserables Krisenmanagement übertroffen. Wieder einmal ist es dem knorrigen Bahnchef nicht gelungen, einem akuten Unternehmensproblem mit einer transparenten Kommunikationsstrategie zu begegnen.
Es wäre jedoch falsch, das umstrittene Screening-Verfahren der Bahn als einen Fall Mehdorn behandeln und lösen zu wollen. Die Datenaffäre vom Potsdamer Platz verblüfft allenfalls durch ihr Ausmaß. Von einem Einzelfall kann nicht die Rede sein. Gezielte Aktionen dürften ebenfalls anders aussehen. Die Bahnaffäre ist Teil eines größeren Kapitels über elektronische Betriebsrealität.
Daten werden nicht gesammelt, sie schwemmen in großer Zahl an. Moderne Überwachung ist so gesehen nicht die Folge einer betrieblichen Aufrüstung mit digitalen Alleskönnern, die unentwegt Informationen produzieren. Daten sind vielmehr das Ergebnis kontinuierlicher Arbeitsabläufe. Überwachung setzt erst dort ein, wo diese mit direktem Personenbezug neu sortiert und gedeutet werden. Dass dies geschieht, ist keine Spezialität der Bahn.
Billig-Discounter ließen das Mitarbeiter-Verhalten per Video beobachten, und bei der Telekom wurde jüngst bekannt, dass Bankverbindungen von Lieferanten, wie es hieß, zu Testzwecken mit den Lohn- und Gehaltskonten der Beschäftigten verglichen worden sind. Alles nur zum Schutz der Unternehmen und zur Bekämpfung der Korruption?
An die Stelle der Schreckensvision von totalitärer Kontrolle ist die Version einer pragmatisch daherkommenden Gefahrenabwehr getreten. Der große Bruder blickt nicht mehr streng und allgegenwärtig herab, die flinken Geräte schauen bisweilen beinahe unbeteiligt zurück.
Dabei sollte man das Argument der Korruptionsbekämpfung keineswegs als Ausrede abtun. Ein Unternehmen wie die Bahn, das jährlich Aufträge in Milliardenhöhe vergibt, muss sich vor einem allzu offenherzigen Datenverkehr schützen. In global agierenden Unternehmen kann mehr wegkommen als Bleistifte und Briefbeschwerer.
Die jüngsten Datenskandale sind nicht zuletzt Ausdruck einer sich rasant verändernden Unternehmenskultur, die kurzfristiges Handeln auf allen Ebenen zum obersten Gebot erhoben hat. Nie zuvor dürfte es eine derart hohe Fluktuation im mittleren und oberen Management von Betrieben gegeben haben, deren Know-how bisweilen auf eine CD passt.
Hinzu kommt, dass die Loyalität zum Unternehmen seit geraumer Zeit nicht länger zu jenen Gütern zählt, auf deren Pflege sonderlich viel Mühe verwandt worden ist. Aus einem Betriebsklima, in dem sich jeder Arbeitnehmer damit vertraut machen muss, ersetzbar zu sein, erwächst irgendwann auch die Mentalität, zunächst auf sich selbst zu achten.
Im Umgang mit privaten Daten nehmen es die Bürger unterdessen weit weniger genau. In einer beliebigen Tagessession mit Anbietern des Internet werden arglos personenbezogene Informationen in einem Umfang in die Tastatur getippt, der Datenschützer erschauern lässt.
Der Angst vor Missbrauch steht eine ungebrochene Bereitschaft und Lust gegenüber, sich beobachten zu lassen. Der PC, sei es am Arbeitsplatz oder daheim, wird in der Regel als Gerät aufgefasst, das Freiheiten ermöglicht, nicht Freiheit gefährdet. Die Verteidigung des Privaten, meint jedoch der Soziologe Wolfgang Sofsky, geht weit über den Datenschutz hinaus.
"Sie ist eine Aufgabe der Zivilisation. Die Grenzen des Privaten müssen stets aufs Neue gesichert werden. Nicht der Rechtsstaat garantiert die Freiheit des Privaten, sondern nur die reale Geheimhaltung durch jeden Einzelnen."
In diesem Sinne sollten die jüngsten Datenskandale ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Freiheit und Privatheit einem radikalen Wandlungsprozess unterworfen sind. Mit Mehdorns beruflicher Zukunft hat das nur sehr wenig zu tun.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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