Mal wieder sind Frankfurt und Hessen vorne. Leider. Für den neuen Berliner Großflughafen Schönefeld wurden gestern die Flugrouten bekannt gegeben – die Hessen leiden unter ihren bereits tagtäglich. In München wurde gerade der Baubeginn der dritten Startbahn verschoben – die neue Landebahn auf Rhein-Main wird längst genutzt. Da würde sich mancher Bürger lieber hinten anstellen, statt vorne dabei zu sein.
Viele Frankfurter und noch mehr Bürger umliegender Gemeinden leiden unter dem Rhein-Main-Flughafen, dem Lärm der Flugzeuge. Sie leiden so sehr, dass sie die Schließung der just eröffneten Landebahn fordern, der Bahn, vor deren Inbetriebnahme ein komplettes Chemiewerk ab- und andernorts wieder aufgebaut wurde. Sie leiden so sehr, dass der Druck auf die politischen Parteien in Gemeinden und Stadtteilen derart wächst, dass Ortsvereine und Stadtparlamente verlangen, die Bahn umgehend abzureißen. Für die Parteien, insbesondere SPD und Grüne, kann sich das Thema zu einer ernsthaften Zerreißprobe auswachsen. Aber nicht nur die Parteien sind zerrissen, die Bevölkerung ist es auch.
Der Main teilt Frankfurt − und viele umliegende Gemeinden − beim Thema Fluglärm in Betroffene und Interessierte. Nördlich des Mains werden manche Stadtteile vom Fluglärm nur belästigt, wie sie an anderen Stellen von Straßenlärm oder kilometerlangen, nächtens verkehrenden Güterzügen gestört werden. Die Menschen dort interessieren sich für das Thema Fluglärm.
Südlich des Mains ist das Wort Belästigung an vielen Orten eine unerträgliche Verharmlosung lebensfeindlicher Zustände. Betroffene sprechen etwa von „Lärmterror“, und wer sich auf der Straße unterhält und alle paar Minuten brüllen muss, der weiß, was sie meinen. Auch hier gibt es zwar Gegenden, wo Menschen eine Lärmbelastung für unerträglich halten, die in umliegenden Orten, Raunheim etwa oder Teilen von Neu-Isenburg, seit Jahren gang und gäbe ist. Dennoch: die Menschen hier betrifft das Thema Fluglärm.
Damit ist aber auch schon ein Grundproblem der Meinungsbildung über die Zukunft des Airports beschrieben. Allzu oft gilt beim Umgang mit den Lasten des Flughafens der Grundsatz: „Macht, was ihr wollt, solange ihr nicht über mein Haus fliegt.“ Es ist äußerst ungewiss, wie in Frankfurt der Weg enden würde, den München nun mit der Entscheidung über die dritte Bahn beschreiten will: der Volksentscheid.
Sicher haben wir alle aus Stuttgart 21 gelernt, dass Großprojekte nicht ohne eine maximale Bürgerbeteiligung geplant werden sollten. Die in Frankfurt dank des Mediationsverfahrens ja zunächst ordentlich umgesetzt worden ist − auch wenn die Politik die Entscheidung über den Bau schon getroffen hatte. Aber hätte das Volk die Wahl gehabt, sie wäre eben auch höchst unterschiedlich ausgefallen, je nachdem, wer hätte abstimmen dürfen: alle Hessen, das gesamte Rhein-Main-Gebiet, alle vom Lärm betroffenen Gemeinden, die ganze Stadt, oder nur betroffene Stadtteile? Es ist offensichtlich, dass die Mehrheiten sich extrem unterschieden. Auch das hat Stuttgart 21 uns gelehrt.
Müssen sich die Betroffenen nun damit abfinden, dass ihre Lebensqualität so weit sinkt, dass von Qualität längst keine Rede mehr sein kann? Zumindest müssen wir alle erkennen, dass das Wirtschaftszentrum Airport mit seinen 70.000 von ihm abhängigen Arbeitsplätzen an den Grenzen des Wachstums angelangt ist. Mehr geht nicht! Noch sind die Lasten ungerecht verteilt und der Nutzen etwa in Form von Steuereinnahmen schon gar. Das muss sich ändern.
Noch beträgt die Auslastung der neuen Bahn erst 50 Prozent der geplanten Landungen. Das muss reichen. Noch muss das Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr morgens vor Gericht bestätigt werden. Eine Ausweitung auf die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr ist unausweichlich notwendig.
Das zieht zwangsläufig ein konzeptionelles Umdenken bei der Luftanbindung Rhein-Main-Gebiets nach sich. Künftig muss hier der Flughafen Hahn genauso einbezogen werden wie möglicherweise der in Köln. Wachsender Flugverkehr lässt sich nicht länger eins zu eins in den Ausbau des Frankfurter Flughafens umrechnen.
Sicher, der Flughafen wird bleiben und es wäre utopisch zu glauben, die Landebahn werde zurückgebaut. Auch sie wird bleiben. Die Menschen werden es nicht. Aus den stark verlärmten Gebieten wird fliehen, wer irgend kann. Das ist der Preis, den diese Menschen stellvertretend für uns alle bezahlen. Für eine florierende Wirtschaft im Rhein-Main-Gebiet, für Arbeitsplätze, für eine sichere Zukunft. Es ist zynisch, aber der gesellschaftliche Preis von Projekten bemisst sich immer auch an der Zahl der Betroffenen. Wir stehen an der Grenze der Belastbarkeit. Wenn wir sie überschreiten, wird der Preis zu hoch.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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