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06. April 2011

Leitartikel zum Kurs der EZB: Fatale Zinswende

 Von 
Robert von Heusinger

Die EZB begründet die Zinserhöhung mit der Inflationsgefahr. Die ist weit übertrieben. Zudem: Unter der Verteuerung der Kredite leiden gerade die derzeit schwachen EU-Länder.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) will am Donnerstag die Zinswende einleiten. Die erste Zinserhöhung seit knapp drei Jahren soll zweierlei signalisieren: Die Krise ist vorüber und auf die EZB Verlass. Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir Notenbanker kämpfen tapfer für Euch und gegen die böse Inflation. Nur um diese krude Botschaft geht es. Es müsste ein Wunder geschehen, um die nach wie vor vom falschen deutschen Denken dominierte Notenbank von ihrem Weg abzubringen.

Das aber wäre nötig, denn in Wirklichkeit kommt die Zinserhöhung im besten Fall zu früh, im schlechtesten schadet sie den Bürgerinnen und Bürgern, weil sie die Euro-Krise wieder aufleben lässt. Weil sie weitere Bankenpleiten riskiert. Weil sie das Wachstum abwürgt und damit die rekordhohe Arbeitslosigkeit in Euroland erhöht. Doch das alles schert die tonangebenden Deutschen nicht, hier den scheidenden Bundesbank-Präsidenten Axel Weber, dort den EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Beide scheinen aus ihrer letzten Fehlentscheidung vom Juli 2008 nicht lernen zu wollen. Auch damals gaben sie voreilig Inflations-Alarm und mussten die Zinserhöhung nur drei Monate später wieder rückgängig machen. Sie hatten schlicht die wackelige Situation in den Banken ignoriert.

Deshalb verwundert es nicht, dass im 15-köpfigen EZB-Schattenrat, einem Gremium hochrangiger internationaler Professoren und Bankvolkswirte, den das Handelsblatt organisiert, nur drei Mitglieder für eine Zinserhöhung am Donnerstag votierten. Und es verwundert auch nicht, dass zwei von ihnen Deutsche sind. Die überwältigende Mehrheit hält die Aktion noch für zu gefährlich.

Gehen wir ernsthafte Gründe für eine gebotene Zinserhöhung durch: Da ist natürlich die Inflation. Richtig, sie steigt. Aber sie steigt nur, weil sich Energie und Nahrungsmittel stark verteuert haben. Die um die sehr schwankungsanfälligen Preise bereinigte Kernrate verharrt bei mickrigen 1,1 Prozent. Da braut sich nichts zusammen. Wie schaut es bei den Löhnen aus? Vor allem den deutschen gilt das Augenmerk, weil hierzulande der Arbeitsmarkt in sehr guter Verfassung ist. Wo, wenn nicht hier könnten die Löhne gefährlich stark steigen? Doch die Realität ist trist, was aus Notenbankersicht beruhigend ist. Selbst in boomenden Branchen ist bislang kein Abschluss mit einer drei vor dem Komma auf Zwölfmonatsbasis abgeschlossen worden. Da können die Gewerkschaften tönen, wie sie wollen, die Arbeitgeber jammern.

Ohne übermäßige Lohnerhöhung heute aber auch keine Inflation morgen, weil die Menschen ja jeden Euro nur einmal ausgeben können. Und selbst die Geldmengen-aggregate signalisieren keinen Inflationsdruck. Wieso also die Zinsen erhöhen?

Die Gefahren eines solchen Schrittes sind nämlich ungleich realer als das Schreckgespenst Inflation. Denn es geht ja nicht nur um einen kleinen Schritt, sondern um die Zinswende insgesamt. Längst antizipieren die Händler und Geldmanager zwei weitere Schritte im laufenden Jahr. Das Fatale daran: Es trifft drei Länder besonders stark, Portugal, Spanien und Irland.

In diesen drei Ländern hängen die Hypotheken am kurzfristigen Zins, der durch die EZB gesteuert wird. Deshalb wirken die Zinserhöhungen direkt, sie verteuern die Zinslast der Hypothek und lassen damit das verfügbare Einkommen schrumpfen. Dadurch sänke die Nachfrage in den wackeligsten Ländern – die noch dazu unter Spardiktat stehen – um bis zu 0,5 Prozent gemessen am Brutto-Inlandsprodukt, wie Volkswirte der UniCredit berechnet haben. Verteuern sich die Hypotheken, wird es weitere Insolvenzen von Hausbesitzern geben, die wiederum die Banken belasten werden. Am Ende stehen dann alle beim Euro-Rettungsfonds, weil die Staaten die durch die Zinserhöhungen ausgelösten Zusatzlasten nicht schultern können.

Denn auch über den Wechselkurs wirkt die Zinserhöhung krisenverschärfend. Der Euro verteuert sich seit Tagen gegenüber allen wichtigen Währungen. Das erschwert wiederum das Leben der Wackelkandidaten. Ihre Exportprodukte sind besonders wechselkursanfällig, weil es sich nicht wie in Deutschland vornehmlich um Maschinen handelt, sondern um Konsumgüter und Nahrungsmittel. Die Währungsunion, gerade erst mit Steuergeld gerettet, wird durch die Zinserhöhung mutwillig erhöhtem Stress ausgesetzt. Und das nur, weil die deutschen Ökonomen das Phänomen Inflation nicht begreifen wollen.

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