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31. August 2012

Leitartikel zum Parteitag der Republikaner vor US-Wahl: Der rätselhafte Kandidat

 Von Olivia Schoeller
Mitt Romney auf dem Parteitag der Republikaner.  Foto: AFP

Romney weiß, dass die Republikaner so weit nach rechts gerückt sind, dass sie nichts von seiner liberalen Agenda wissen wollen. So schweigt er über seine politischen Erfolge. Das ist verrückt.

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Mitt Romney hat die Nominierung seiner Partei zum Präsidentschaftskandidaten angenommen – und dafür dürfen die Republikaner wahrlich dankbar sein. Erinnern wir uns kurz, welche Alternativen es gab: Da war der texanische Gouverneur Rick Perry, der von der Komplexität der nationalen Themen so überfordert war, dass er sich bei einer Debatte nicht mehr daran erinnern konnte, welches Ministerium er abschaffen wollte.

Da gab es den Geschäftsmann Herman Cain, der Obamas Libyen-Politik kritisierte, obwohl er nicht wusste, welche Politik Obama in Libyen verfolgte. Und schließlich wollte auch die schrille Tea Party-Königin Michele Bachmann ins Weiße Haus, die alle möglichen absurden Ideen hatte, darunter auch die Möglichkeit eines nuklearen Angriffs gegen den Iran. Wollten die Republikaner den Kampf um das Weiße Haus 2012 nicht zur Muppett-Show verkommen lassen, mussten sie einen seriösen Kandidaten aufstellen. Und da gab es nur eine Möglichkeit: Mitt Romney.

Keine Frage, Romney hat das Potenzial, Präsident zu sein. Er besuchte Harvard, feierte als Geschäftsmann Erfolge, rettete die Olympischen Spiele von Salt-Lake-City und war immerhin vier Jahre lang Gouverneur von Massachusetts, mit einer relativ erfolgreichen Bilanz: Er verwandelte das Haushaltsdefizit des Staates innerhalb von zwei Jahren in einen Überschuss, unter anderem, weil er Steuern und Abgaben erhöhte. Er setzte zudem die erste Gesundheitsreform in einem US-Staat durch – mit Hilfe von Demokraten wie Ted Kennedy. Sie soll als Vorlage für die Obama-Reform gedient haben, jene Reform, gegen die Romneys Partei so gnadenlos polemisiert.

Es sind Erfolge, die Präsidentschaftskandidaten in den USA sonst eigentlich in höchsten Tönen anpreisen, die sie bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund stellen. Nicht so Mitt Romney. In seiner Rede beim Parteitag in Tampa erwähnte er seine Gouverneurszeit in Massachusetts mit keinem Wort. Romney weiß, dass seine Partei so weit nach rechts gerückt ist, dass sie nichts von dieser liberalen Agenda wissen will. So schweigt er über seine politischen Errungenschaften. Das ist verrückt. Romney darf heute nicht mehr gut finden, was er damals durchsetzte, weil seine Partei unideologische Pragmatiker wie ihn gering schätzt. Romney ist ein kastrierter Kandidat.

Kein Wunder also, dass selbst nach dem Parteitag niemand wirklich sagen kann, warum Mitt Romney eigentlich Präsident werden will. Woran glaubt der Mann, der einst das Recht auf Abtreibung verteidigte und heute Leben schützen will? Der als Gouverneur gesehen hat, wie teuer die Gesundheitsversorgung wird, wenn es keine Krankenversicherung gibt, und heute Obamas Reform kassieren will? Der selbst Steuern erhöhte, um den Haushalt zu sanieren und heute Steuererhöhungen ablehnt?

Man kann das nicht greifen, denn seine Geschichte ist nicht schlüssig, seine Motivation nicht erkennbar. Nur einmal, als er von seiner Zeit als Investmentbanker sprach, von der Gründung neuer Unternehmen, hatte man in Tampa das Gefühl, eine gewisse Leidenschaft bei Mitt Romney zu erkennen. Man sah den Wirtschaftsmanager, der es als Herausforderung sieht, Probleme zu lösen. Aber das wird nicht reichen, um sich als Mensch und Politiker begreifbar zu werden – vor allem nicht gegen einen Gegner wie Obama.

Barack Obamas Geschichte vom Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der mit Essensmarken groß wurde, sich als Mulatte Gedanken über das Zusammenleben von Weißen und Schwarzen machte und nach seinem Studium in Harvard als Sozialarbeiter zurück in die Armenviertel ging, um Menschen zu helfen, ist eine schlüssige Geschichte. Jeder versteht, was Obama ins Weiße Haus getrieben hat und was er versucht zu tun: Er will mehr Gerechtigkeit.

Wenn die Demokraten in der kommenden Woche ihren Parteitag abhalten, dann werden sie Obama und seine Geschichte mit viel Brimborium erzählen: Woher er kam, was er versprochen und was er davon eingelöst hat. Sie werden versuchen, so viel wie möglich von dem „Hoffnung und Wandel“-Zauber aus dem Jahr 2008 zurückzubringen, mit dem Obama damals begeisterte und wofür er heute noch geschätzt wird: 55 Prozent der Amerikaner mögen Obama, nur 29 Prozent sagen das über Romney. Nein, die Herzen hat der Republikaner nicht gewonnen.

Chancenlos ist er deshalb im November nicht. Wenn die Frustration über die wirtschaftliche Lage und die Arbeitslosigkeit weiter wächst und das Gefühl zunimmt, dass das Land auf dem falschen Weg ist, was heute immerhin mehr als 60 Prozent glauben, kann es sein, dass sie der Wohlfühl-Präsident Obama mit seinem Ruf nach Wandel und Hoffnung nicht mehr ausreicht. Dann ist nur noch Romney da.

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