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06. Juli 2012

Leitartikel zum Praena-Test: Fatales Gutachten

 Von 
Sieben Wochen alter Fötus in einer Fruchtblase.  Foto: dpa

Mit einem Gentest kann das Down-Syndrom leicht festgestellt werden. Der Bluttest ist nicht illegal, wie Jura-Professor Klaus F. Gärditz meint. Sein Gefälligkeitsgutachten verweist die Diskussion über die Zukunft der vorgeburtlichen Diagnostik stattdessen ins Absurde.

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Mit einem Gentest kann das Down-Syndrom leicht festgestellt werden. Der Bluttest ist nicht illegal, wie Jura-Professor Klaus F. Gärditz meint. Sein Gefälligkeitsgutachten verweist die Diskussion über die Zukunft der vorgeburtlichen Diagnostik stattdessen ins Absurde.

Seinem Ruf als moderner Don Quichotte ist Hubert Hüppe am Donnerstag voll gerecht geworden. Angeblich kämpft er als Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Tatsächlich aber führt der CDU-Politiker seit Jahren einen Glaubenskrieg gegen Abtreibung und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Seit langer Zeit mobilisiert Hüppe gegen die „Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom“. Schon seine Wortwahl markiert die Richtung.

Doch: Die Entscheidung haben werdende Eltern längst getroffen. Die Krankenkassen zahlen in Deutschland jährlich rund 30.000 Fruchtwasseruntersuchungen. Falls dabei eine Trisomie 21, wie das Down-Syndrom auch genannt wird, festgestellt wird, entscheiden sich 90 Prozent der Eltern für einen Schwangerschaftsabbruch. Soweit die Realität, und sie ist legal in diesem Land.

Professor Gärditz liegt falsch

Das am Donnerstag vorgelegte Gefälligkeitsgutachten von Klaus F. Gärditz, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Bonn, verweist die Diskussion über die Zukunft der vorgeburtlichen Diagnostik ins Absurde. Er liegt mit seinem Gutachten, der neue Bluttest auf Trisomie 21 sei illegal und nach dem Gendiagnostikgesetz nicht zulässig, falsch. Gärditz setzt Medizin mit Heilung gleich, davon aber ist im Gesetz nicht die Rede. Das Gesetz erlaubt nicht nur Tests, die betroffenen Frauen müssen sogar auf die Schwangerschaftskonfliktberatung hingewiesen werden – und damit auf die Möglichkeit einer Abtreibung.

Dass Gärditz zugleich die Gefährdung von Frauen und Embryos billigend in Kauf nimmt, zeigt, dass es ihm nicht wirklich um das Kindeswohl geht. Denn: Bei der Fruchtwasseruntersuchung kommt es bei 200 Entnahmen zu einem spontanen Abort. Sie ist deshalb nur bei älteren Schwangeren sinnvoll, wenn die Wahrscheinlichkeit für ein Down-Syndrom rasant ansteigt. Der neue Bluttest, der im Blut kreisende Genfragmente des werdenden Kindes untersucht, ist nicht nur ungefährlich für Schwangere und Embryo, er ist nach den vorliegenden Daten auch zuverlässig.

Gentests aus moderner Medizin nicht wegzudenken

Die moderne Medizin versorgt den Menschen heute mit vielen vorsorgenden Tests, sei es auf Darm-, Brust- oder Prostatakrebs. Am Sinn solcher massenhaften Untersuchungen gibt es zwar auch berechtigte Zweifel, weil sie zu Überdiagnosen und häufigeren Operationen führen, die nicht immer sinnvoll sind. Aber vom Grundsatz her sind sie richtig. Wenn statt der belastenden Darmspiegelung nun ein Gentest zu Verfügung steht, der den Krebs sicher erkennt, dann wird er von vielen Menschen lieber angewendet. Und auch die Gentests, die zeigen, welche Medikamente bei bestimmten Krebserkrankungen die beste Wirkung zeigen, sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.

Gesundheit. Die wünschen sich alle Menschen. Weltweit werden gewaltige finanzielle Kräfte mobilisiert, um von Ärzten möglichst gut versorgt zu sein. Hygiene, Impfungen, gesündere Ernährung und die moderne Medizin haben dafür gesorgt, dass sich die Lebenserwartung in den Industrieländern innerhalb von hundert Jahren verdoppelt hat.

Deutschland spielt in dieser Liga weit vorne mit. Warum aber dann diese extreme Abwehr bei Hubert Hüppe und vielen anderen, wenn es um die vorgeburtliche Diagnose von schweren Schäden geht? Deutschland sollte hier sensibler als die Nachbarländer agieren. Es muss sein düsteres Erbe der Nazizeit berücksichtigen. Denn der Rassenwahn führte neben der Ermordung von rund sechs Millionen Juden auch dazu, dass geistig und körperlich behinderte Menschen vernichtet wurden.

Bluttest kommt auf den Markt

Mit infamen und falschen Schaubildern wurde vorgerechnet, wie sich erbkranke Familien angeblich rasant vermehrten und der sogenannten Volksgemeinschaft zu Last fielen. „Unwertes Leben“, wie von den Nazis behauptet, gibt es nicht. Behinderte und andere Schwache bedürfen des besonderen Schutzes unserer Gesellschaft.

Darüber herrscht heute ein breiter Konsens. Nicht abgeleitet werden kann daraus, dass Embryos nicht abgetrieben werden dürfen. Zugleich ist die Sorge, mit den neuen Gentests werde eine optimierte Herrenrasse herausgezüchtet, unbegründet. Dazu schalten Gene viel zu komplex verschiedene Eigenschaften. Gene sind flexibel, sie können je nach Lebensstil zum guten oder schlechten neigen. Tests werden deshalb auch künftig nur für wenige Erbkrankheiten von Bedeutung sein.

Ob betroffene Frauen dann eine Abtreibung vornehmen lassen, ist eine schwierige Entscheidung, die die Gesellschaft ihnen nicht vorschreiben darf. Sowohl die vorgeburtliche Untersuchung als auch die genetische Beratung der Schwangeren sind im Gendiagnostikgesetz klug geregelt. Daran ändert das Gärditz-Gutachten nichts. Der Bluttest auf Trisomie 21 wird legal und rechtens sein, sobald er auf den Markt kommt.

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