Die Koalition erweist sich als guter Manager der Finanzkatastrophe. Aber das Karussell der Unseriosität ist nicht gestoppt. Das Weltfinanzsystem braucht eine neue Statik, meint Uwe Vorkötter.
Dr. Uwe Vorkötter ist Chefredakteur der Berliner Zeitung.
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Zugegeben, wir hatten diese Koalition schon abgeschrieben. Merkel, Steinmeier, demnächst wieder Müntefering: eine Partnerschaft in Auflösung, ohne weitere Ambitionen. Sie waren gerade dabei, die bescheidenen Restposten ihrer To-do-Liste abzuarbeiten, um dann den Kampf um die Macht im Lande zu eröffnen - als unversehens das geruhsame Berliner Leben eine schicksalhafte Wende nahm.
Die internationale Finanzkrise stellt die Regierung auf Abruf vor die größte Herausforderung ihrer Amtszeit. Sie muss handeln, schnell und in Dimensionen, die alle ihre bisherigen Entscheidungen in den Schatten stellt. Und, so das erste Fazit nach den Beschlüssen von gestern: Union und SPD zeigen sich jetzt, da es darauf ankommt, durchaus verantwortungsbewusst und handlungsfähig.
Dieses Urteil gilt für das unmittelbare Krisen-, besser: Katastrophenmanagement. Was die Regierung tut, um den kompletten Zusammenbruch des Finanzwesens zu verhindern, ist prinzipiell richtig und ohne Alternative. Das galt schon für die politische Zusage der Kanzlerin, die Spareinlagen der Bürger zu garantieren, das gilt für die Bürgschaften zugunsten der Banken bis hin zur Beteiligung am Kapital der notleidenden Institute.
Dieses international abgestimmte Maßnahmenpaket findet unter den Ökonomen aller Lager breite Zustimmung. Zum ersten Mal seit Wochen scheint es zu gelingen, die Börsen weltweit zu beruhigen. So weit, so gut.
Die Finanzkrise - wie alles begann
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Die Finanzkrise - wie alles begann
Im April 2007 muss einer der größten US-Hypotheken-Anbieter Gläubigerschutz bei der Börsenaufsicht beantragen. Die New Century Financial hat sich mit Risikokrediten verkalkuliert, die die Schuldner nicht mehr zurückzahlen können. Die Bank wird zahlungsunfähig und bleibt ihren Gläubigern selbst acht Milliarden Dollar schuldig. 3200 Leute verlieren ihren Job, viele Amerikaner müssen ihre Häuser verkaufen.
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Schon schrillen an der Wall Street die Alarmglocken: Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns haben in großem Stil in die Immobilien-Papiere investiert. Die Bank erleidet dramatische Kurseinbrüche. Sie wird zwar in letzter Minute durch eine Finanzspritze von der amerikanischen Notenbank gerettet, der Kursrutsch hat an der Börse allerdings Panik ausgelöst.
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Bei den Menschen lösen die Nachrichten Panik aus: Besorgte Kunden stürmen im September 2007 die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Die Regierung und die Bank von England garantieren die Einlagen, Northern Rock wird vom Staat übernommen.
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Die Krise rollt über den Atlantik nach Deutschland: Die deutsche Mittelstandsbank IKB erlebt eine Fast-Pleite - ebenfalls durch riskante Spekulationen. Nach dem Notverkauf an einen Finnazinvestor rollen die Köpfe. Diese beiden sollen die nun Industriebank aus der Krise führen: Der neue Vorstandsvorsitzende Günther Bräunig und Finanzvorstand Reinhard Grzesik.
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Anfang September 2008 stolpern die beiden größten Baufinanzierer der USA, Fannie Mae und Freddie Mac, über die faulen Kredite. Am Ende mischt sich die US-Regierung in den Markt ein und greift beiden Instituten unter die Arme. Beide Banken zusammen tragen etwa die Hälfte aller amerikanischen Hypotheken.
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Damit die Geldmärkte durch die großen Wertverluste an den Aktienmärkten nicht austrocknen, pumpen die EZB und Notenbanken auf der ganzen Welt kurzfristig mehrere hundert Milliarden in den Geldmarkt. Trotzdem können sie die Katastrophe nicht verhinden...
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Der 15. September 2008 wird wohl als "schwarzer Montag" in die Geschichte eingehen: Die einflussreiche US-Bank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden.
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Lehmans Konkurrent Merrill Lynch wird von der Bank of America aufgekauft. Von heute auf morgen müssen hunderte Banker ihre Büros räumen. Sie stehen nun auf der Straße und beobachten fassungslos den Untergang der sicher geglaubten Bankenwelt.
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Der US-Leitindex Dow Jones erleidet den stärksten Tagesverlust seit den Terrorattacken am 11. September 2001. Auch der Dax bricht zusammen. An den Börsen weltweit herrscht der Ausnahmezustand.
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Und wieder lässt das Echo in Deutschland nicht lange auf sich warten: Die deutschen Landesbanken, allen voran die WestLB und die BayernLB, verzeichnen millionenschwere Abschreibungen. Sie hatten in großem Stil bei Lehman Brothers investiert.
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Den größten Patzer leistet sich die Mittelstandsbank IKB: Obwohl die Pleite von Lehman Brothers inoffiziell schon bekannt ist, überweist das Management 336 Millionen Euro. Das Geld ist weg - die Verantwortlichen müssen das Bankhaus ebenfalls verlassen.
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Der Versicherungsriese AIG gerät durch Milliardenverluste in akute Kapitalnot. Der Aktienkurs bricht um 68 Prozent ein, die Weltbörsen setzen ihre Talfahrt fort. Die Notenbanken pumpen noch einmal fast 150 Milliarden Euro in den Geldmarkt. Tags darauf rettet die Bank of America AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar.
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Auf der ganzen Welt rücken die überlebenden Banken zusammen: Die zweitgrößte US-Investmentbank Morgan Stanley nimmt Fusionsverhandlungen mit dem US-Finanzkonzern Wachovia auf. Die britische Großbank Lloyds TSB übernimmt die kriselnde schottische Bank HBOS.
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Die US-Regierung unter der Führung von Finanzminister Henry Paulson ersinnt am 19. September ein milliardenschweres Rettungspaket und löst damit ein Kursfeuerwerk an den Börsen aus. Paulson wird als "King Henry" gefeiert. Die USA und Großbritannien verhängen ein weitreichendes Verbot für sogenannte Leerverkäufe, also Wetten auf sinkende Aktienkurse.
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Am 22. September kippt das 75 Jahre alte Modell der unabhängigen US-Investmentbanken: Die letzten verbliebenen Institute, Goldman Sachs und Morgan Stanley, geben ihren Sonderstatus auf und werden gewöhnliche Geschäftsbanken.
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Geldmann für Goldman: Der Amerikaner Warren Buffett wird zum milliardenschweren Schutzengel und unterstützt die ehemalige Investmentbank Goldman Sachs mit einer beispiellosen Finanzspritze. Damit verhindert er den Zusammenbruch eines weiteren traditionellen Bankhauses.
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Die größte Sparkasse der USA, Washington Mutual, fällt der Finanzkrise zum Opfer. Sie wird von JPMorgan Chase übernommen. In Europa bangen die Menschen um ihre Spareinlagen.
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Die Bankenkrise sorgt sogar für einen kurzfristigen Waffenstillstand im US-Wahlkampf. Ein Krisentreffen zwischen Präsident Bush und den beiden Kandidaten, Barack Obama und John McCain, bleibt allerdings ergebnislos. Der Senat stimmt nach tagelangen Debatten dem überarbeiteten Rettungsplan zu, der zusätzliche 100 Milliarden Dollar für Hausbesitzer und Unternehmen vorsieht.
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Doch die Krise ist nicht aufzuhalten und zieht weite Kreise in Europa: Der belgisch-niederländische Immobilienfinanzierer Fortis erleidet den größten Kursverlust seiner Geschichte. Der belgische Staat stellt schließlich in Absprache mit der EU-Kommission das rettende Finanzpaket.
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Ein ähnliches Schicksal erleidet die deutsche Hypo Real Estate. Auch hier springt der Staat rettend ein und löst damit eine Debatte um eine "Komplettlösung" für den Bankensektor aus. Andere europäische Länder wie Irland und Österreich haben bereits einen staatlichen Schutzmantel in Form einer Einlagensicherung über ihre Landesbanken gebreitet.
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Auch die Bundesregierung möchte den Sparern die Angst nehmen. Am 6. Oktober spricht Angela Merkel nach stundenlangen Verhandlungen eine Garantie für die Spareinlagen ihrer Bürger aus.
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Doch auch die guten Nachrichten vermögen die Talfahrt an der Börse nicht zu stoppen: Der Dax fällt am gleichen Tag auf einen historischen Tiefststand.
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Nebel über Island: Auf der Insel beginnt ein beispielloser Bank-Run. Kunden der Kaupthing-Bank, die im Ausland mit Zinssätzen von über sechs Prozent um Sparer geworben hatte, bleiben im Unklaren über ihre Einlagen. Deutsche Verbraucherschützer sind empört.
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Ende Oktober fordert die Finanzkrise in Deutschland ihr erstes politisches Opfer: Erwin Huber, bayrischer Finanzminister, stolpert über die desolate Lage der landeseigenen BayernLB, die als erste Bank unter den 500-Milliarden-Euro schweren Rettungsschirm des Bundes schlüpft.
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Nach der angeschlagenen Hypo Real Estate greift Anfang November auch die Commerzbank in großem Stil auf das Rettungspaket der Bundesregierung zurück und bessert damit ihr Kapital auf.
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Mitte November: Nach den Banken gerät die nächste Branche in Bedrängnis. Fast alle deutschen Autobauer drosseln die Produktion. Opel, deutsche Tochter der amerikanischen General Motors, ruft nach staatlicher Hilfe - und noch ist kein Ende der Spirale in Sicht.
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Text: Miriam Olbrisch
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So fing es an: Börsenkurse auf der ganzen Welt brechen ein. (Archiv)
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Linkspartei in der Krise
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Nicht beantwortet ist damit allerdings die Frage, wie lange die so verabreichten Beruhigungspillen wirken und wie es danach national und international auf den Finanzmärkten weitergehen soll. Weder die Bundesregierung noch die EU, noch die G7, noch der Internationale Währungsfonds haben bis jetzt eine Perspektive über die akute Bekämpfung der Krisensymptome hinaus aufgezeigt.
So richtig es ist, dass die Staaten bei den Banken Miteigentümer werden: Glaubt irgendjemand, dass die Politik das Bankgeschäft besser betreibt als Ackermann & Co? Wenn es so wäre, wieso hätte dann in Deutschland die Krise vor allem die öffentlichen Banken - von der SachsenLB bin zur BayernLB - erfasst? Die Verstaatlichung von Banken ist auf Dauer keine Lösung des Problems. Und erst recht spricht nichts dafür, dass die Regierungen mit dem Geld der Steuerzahler dauerhaft die Fehler von Bankmanagern, egal ob öffentlich oder privat, sanktionieren.
Ebenso wenig kann allerdings die Alternative lauten, dass der Staat jetzt vorübergehend ins Risiko geht, in paar Monaten wieder aussteigt, und dann geht es weiter wie bisher. Die Ursache der Krise ist die mangelnde Regulierung der Finanzmärkte. Sie haben über Jahre ein Eigenleben entwickelt, mit abenteuerlichen Auswüchsen. Politik und Wirtschaft können erst dann wieder zur Tagesordnung übergehen, wenn die Märkte neuen, strengeren Regeln unterworfen sind. Diese Regeln sind noch nicht ansatzweise zu erkennen, weder in Berlin noch sonstwo.
Deutschland allein kann auf diesem Feld allerdings auch wenig ausrichten, nicht einmal Euroland insgesamt. Wenn die Regierung den deutschen Banken vorgibt, künftig (wieder) nach den Prinzipien des seriösen Kaufmanns zu agieren, ist das prinzipiell richtig. Aber es nützt nichts, wenn sich zugleich das Karussell der Unseriosität in Amerika, Asien oder auch nur in den Steueroasen von Liechtenstein bis zu den Cayman Islands weiterdreht.
Der Turbokapitalismus, der von der Maximierung der kurzfristigen Renditen getrieben wurde, hat weltweit einen schweren Rückschlag erlitten. Aber er ist nicht tot. Die Anleger von Hedgefonds, die Manager der Heuschrecken-Firmen, die Verkäufer der "innovativen" Finanzprodukte hoffen, dass sich die Krise letztlich als Betriebsunfall des Systems erweisen wird, nicht mehr. Und dass die Regierungen als eine Art Unfallversicherung einspringen, in die man nicht einmal Prämien einzahlen muss. Sie dürfen nicht recht behalten. Deshalb ist es jetzt in der Tat notwendig, dem Welt-Finanzsystem eine neue Architektur mit einer neuen Statik zu geben.
Die Kanzlerin und ihre Koalition werden sich in den letzten Monaten ihrer gemeinsamen Amtszeit auch mit solchen Fragen noch beschäftigen müssen. Angela Merkel hat gestern den Eindruck erweckt, das neue Finanzsystem nehme bereits Konturen an. Aber so weit ist es noch längst nicht. Alles was bisher beschlossen wurde, gehört in die Rubrik Krisenmanagement. Eine Politik, die sich darin erschöpft, führt letztlich zu nichts. Außer zum nächsten Crash.