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Leitartikel zur Afghanistan-Konferenz: Mission kraftlos

Der zivile Aufbau Afghanistans erhält Vorrang. So viel hat London bewegt. Doch noch fehlen konkrete Programme: für Arbeit, Bildung und ein gutes Leben, für Pakistan und andere Nachbarn. Von Andreas Schwarzkopf

Der afghanische Präsident Hamid Karsai (2. von links) auf der Konferenz in London.
Der afghanische Präsident Hamid Karsai (2. von links) auf der Konferenz in London.
Foto: rtr

Für alle, die sich mit einer Minimallösung zufriedengeben, war die Afghanistan-Konferenz in London ein Erfolg. Die internationale Gemeinschaft hat sich auf einen kleinen Strategiewechsel verständigt. Ein paar mehr Polizeiausbilder und ein wenig mehr Geld für den zivilen Aufbau. Außerdem versprach die Regierung Karsai brav, sie würde zukünftig stärker gegen Korruption vorgehen.

Ansonsten gilt das Primat des Militärs. Alles in allem sind das einige kleine Schritte in die richtige Richtung. Schließlich rückten die Politiker den zivilen Aufbau ein bisschen mehr in den Mittelpunkt der Mission.

Andreas Schwarzkopf ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Andreas Schwarzkopf ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Damit wird allerdings deutlich, dass die Staatenlenker weder die nötigen Schlüsse aus dem bisherigen Desaster des Einsatzes gezogen noch die notwendigen Lösungen für die zahlreichen komplexen Probleme des Landes präsentiert haben. Dann hätten sie nämlich viel offensiver auf die zivile Karte gesetzt und sich zudem erkennbarer an den Interessen der Afghanen orientiert.

Die wollen, das ist wenig überraschend, schlicht besser leben. Dafür brauchen sie vor allem Arbeitsplätze. Aber von einem Marshall-Plan, wie er zwischen 1948 und 1952 den Aufbau Westeuropas aus den Trümmern garantierte, war in London nicht die Rede. Zu wenig war zu hören von wirtschaftlichem Aufbau oder der Entwicklung einer Gesellschaft, die sich vor allem mit Landwirtschaft selbst irgendwann ernähren oder gar Nahrungsmittel exportieren kann.

Es geht um Afghanistans Zukunft

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Der Taliban-Nachschub wird nicht versiegen

Dafür wäre es sicher hilfreich gewesen, über das Problem des Drogenanbaus zu sprechen. Damit wird nicht nur zu großen Teilen der Aufstand finanziert. Zum Drogenhandel gehört zudem das Übel Korruption, das die nur schwach ausgebildeten staatlichen Strukturen zerstört und eine nachhaltige Entwicklung normalen Lebens verhindert.

Warum soll ein schlecht bezahlter Polizist seinen Job machen, wenn er mit Nichtstun viel mehr verdient? Zumal, wenn um ihn herum viele besser leben mit dem falschen Leben. In diesem Kampf werden ein paar nette Versprechen Karsais nicht helfen.

Dem Problem der Taliban haben sich die politischen Führungskräfte nur halbherzig gewidmet. Mit ein paar Dollar mehr wollen sie einige Mitläufer auf die richtige Seite holen. Dem Ruf des Geldes werden einige gewiss folgen. Doch der eigentliche Nachschub wird nicht versiegen. Der kommt vor allem aus privaten pakistanischen Koranschulen, den Madrasas. Tausende junge und kräftige Männer ohne Perspektive oder Aussicht auf einen Arbeitsplatz verlassen jährlich diese zweifelhaften Bildungsstätten. Viele landen bei den Taliban. Auch davon kein Wort in London.

Dass die Probleme Afghanistans nur gelöst werden können, wenn die Schwierigkeiten Pakistans angegangen werden, wusste die Londoner Versammlung. Doch der AfPak-Ansatz des US-Präsidenten Obama spielte keine Rolle. Andere Nachbarstaaten wie Iran stärker einzubinden, war ebenso wenig eine Option. Die Liste der Versäumnisse ließe sich leicht verlängern.

1948 waren die Marshall-Planer schon mal weiter

Gemessen an den Problemen und den fehlenden Perspektiven hätten die Politiker viel mehr Geld für den Aufbau des Landes locker machen müssen und über einen längere Dauer der Mission sprechen müssen. Woher die Knete kommen soll in Zeiten leerer Staatskassen? Washington allein gab für den Militäreinsatz am Hindukusch bisher rund 300 Milliarden Dollar aus. Um diese unvorstellbare Summe ein wenig runterzubrechen, könnte man sie für ein Gedankenspiel mal auf 25 Millionen Afghanen verteilen. Das macht etwa 12000 Dollar pro Kopf. Ein Afghane verdient im Schnitt 800 Dollar jährlich.

In Wahrheit hat der Westen eine Ausstiegsstrategie entwickelt, die vor allem das Publikum zu Hause beruhigen soll. Nach dem Motto: Seht her, wie nehmen eure Ängste und Sorgen ernst. Jetzt muss man hoffen, dass dieser Plan irgendwie funktioniert. Zum einen gibt es keinen Plan B. Zum anderen war es wohl die letzte Chance, entscheidende Schritte in die Wege zu leiten. Noch einmal dürften sich die beteiligten Staaten nicht zu einer derartigen Kraftanstrengung durchringen.

Sollte der Plan allerdings nicht funktionieren, wird es in dieser Weltregion wohl noch sehr viel ungemütlicher und unsicherer werden, und sehr viele Menschen werden dem Chaos entfliehen. Wann endlich lernt der Westen, dass es in seinem eigenen Interesse liegt, rechtzeitig kraftvoll zu helfen? 1948 waren die Marshall-Planer schon mal weiter.

Autor:  Andreas Schwarzkopf
Datum:  28 | 1 | 2010
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