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11. August 2013

Leitartikel zur Demografie: Sozialabbau mit Hokuspokus

 Von 
Senioren auf einer Bank am Rhein.  Foto: dpa

Wieder einmal erzählen Forscher die Legende vom Ende der Sozialsysteme in einer alternden Gesellschaft. In Wahrheit kann niemand heute sagen, wie die Demografie morgen wirkt.

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"Demografie ist nicht unser Schicksal", haben kluge Forscher schon vor vielen Jahren geschrieben. Daran hat sich nichts geändert. Doch in den Köpfen angekommen ist die Botschaft trotzdem nicht, und das ist kein Wunder angesichts des Lautstärke, mit der immer neue Hiobsbotschaften im Zusammenhang mit der Alterung der Bevölkerung verkündet werden.

Es gibt einige Akteure in der Sozialpolitik, die sehr gewandt mit Horrorszenarien arbeiten. Bedrohungen werden heraufbeschworen, um die Bevölkerung von scheinbar alternativlosen Grausamkeiten zu überzeugen, die sie sonst nie mittragen würde. Die meisten Bürger halten nämlich gerne an ihrer gesetzlichen Renten-, Kranken- oder Arbeitslosenversicherung fest. Weil sie darauf angewiesen sind, oder weil sie einmal darauf angewiesen sein könnten. Und weil sie das wissen.

So weit, so überzeugend, so verfänglich

Was aber, wenn man ihnen erzählt, dass die gesetzliche Krankenversicherung bis zum Jahr 2060 eine Unterfinanzierung von unglaublichen 1,1 Billionen Euro aufweisen wird, möglicherweise sogar bis zu 3,4 Billionen Euro? Dann könnte man schon auf die Idee kommen, dass das deutsche Krankenversicherungssystem umgebaut werden muss, wie das der deutsche Volkswirt fordert, der diese Zahlen vergangene Woche veröffentlicht hat.

Sein Argument ist, wie so oft bei solchen Debatten, der demografische Wandel: Die Bevölkerung wird älter, weniger Arbeitnehmer müssen für die Gesundheitsversorgung von mehr Alten bezahlen. So weit, so überzeugend, so verfänglich. Auf den ersten Blick. Tatsächlich ist das alles großer Hokuspokus.

Kein seriöser Wissenschaftler behauptet, die Bevölkerungsentwicklung über fast 50 Jahre vorhersagen zu können. Das Statistische Bundesamt, das zwar Vorausberechnungen bis 2060 veröffentlicht, bezeichnet diese aus gutem Grund nicht als Prognosen, sondern als Modellrechnungen. Die können schnell durcheinander gebracht werden. Beispiel Zuwanderung: Das Statistische Bundesamt geht im Durchschnitt der nächsten Jahre von einer Netto-Zuwanderung in Höhe von 100.000 bis 200.000 Menschen pro Jahr aus.

Im vergangenen Jahr ist sie ganz unerwartet auf 369.000 explodiert – und wenn die Eurokrise noch länger anhält, wird es womöglich so weitergehen. Oder die Geburtenraten: Wer sagt, dass Frauen in Deutschland auf ewige Zeiten nur 1,4 Kinder bekommen werden? Aktuell beobachten Forscher jedenfalls eine Trendwende.

Schwarzmalerei ist nicht angebracht

Doch selbst wenn die Szenarien eintreffen sollten und die Bevölkerung rapide altert: Ist die gesetzliche Krankenversicherung dann wirklich am Ende, der „Generationenvertrag gekündigt“, wie behauptet wird? Mitnichten! Für die Finanzierung der Sozialsysteme spielt nämlich weit mehr eine Rolle als nur das Verhältnis der Erwerbstätigen zu den zu Versorgenden. Vor allem spielt eine Rolle, wie sich die Wirtschaftskraft entwickelt und damit der Geldtopf, aus dem die Gesundheitsversorgung finanziert werden kann.

Da braucht einem nicht gleich Angst und Bange zu werden, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Im Jahr 1900 kamen auf eine alte Person 12,4 Erwerbsfähige, fünfzig Jahre später waren es noch 6,9 und weitere 50 Jahre später 4,1. Trotzdem ist der Wohlstand gestiegen und die Sozialversicherungssysteme wurden ausgebaut. Und zwischen 1992 und 2011 sind die Gesundheitsausgaben zwar um 85 Prozent gestiegen, aber ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt legte lediglich um 18 Prozent zu.

Nun kann man auch diesen Trend nicht einfach in die Zukunft fortschreiben. Aber er zeigt deutlich, dass Schwarzmalerei nicht angebracht ist. Es gibt zu viele Dinge, die wir jetzt noch nicht wissen.
Welche Durchbrüche in der Medizin erwarten uns? Werden sie Behandlungen günstiger machen? Wird es Menschen geben, die künftig länger arbeiten, nicht weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen? Wie wirkt es sich aus, dass viele Bürger heute gesünder leben? Was, wenn die Arbeitslosigkeit wegen der kleiner werdenden Bevölkerung verschwindet und viele Menschen nicht mehr nur Leistungen beziehen, sondern nun selber in die Sicherungssysteme einbezahlen?

Das sind alles Fragen – und es gibt noch viele mehr –, die erst die Zukunft beantworten wird. Deswegen wird man das Gesundheitssystem auch nur schrittweise und immer wieder kurz- bis mittelfristig den Realitäten anpassen können. Aus einer Annahme über fast 50 Jahre lassen sich keine Handlungsempfehlungen für die Gegenwart ableiten. Aus irgendwelchen Zahlen, die horrende Finanzierungslücken für die Zukunft vorhersagen, sollte man deshalb nicht den Schluss ziehen, dass im Heute das ganze System auf den Kopf gestellt werden muss.

Im übrigen ist es keine Lösung, wenn angesichts von erwarteten Finanzierungsproblemen eine verstärkte kapitalgedeckte Vorsorge vorgeschlagen wird: Denn finanziert werden müssen die Gesundheitsausgaben immer von der Generation, die gerade arbeitet, die Zinsen, Darlehen, Steuern und Sozialabgaben bezahlt.

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