Bei der Gedenkfeier für die von Rechtsextremisten Ermordeten im Schinkelschen Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt erinnerten zehn Kerzen an die zehn Opfer der Attentatsserie. Die zwölfte Kerze stand für die Hoffnung. Die elfte Kerze aber sollte stehen für die weiteren bekannten und unbekannten Opfer des Rechtsterrorismus. Dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff hat Deutschland diese Feier zu verdanken. Die Bundeskanzlerin Merkel hat eine gute Rede gehalten. Sie hat die Familien der Opfer um Entschuldigung gebeten, und sie hat deutlich gesagt, dass es die Aufgabe des Staates und seiner Bürger sei, den Kampf gegen Ausgrenzung und Verachtung auch im Alltag zu führen: „Gefährlich sind auch diejenigen, die Vorurteile verbreiten und ein Klima der Verachtung schüren.“
„Wir alle gemeinsam prägen unsere Identität“
Das sind mutige Worte. Sie sind mutig, weil Angela Merkel wieder gewählt werden möchte. Auch von denen, die die aus jedem seiner Sätze spürbare Verachtung Thilo Sarrazins als mutig empfanden. „Wir alle gemeinsam prägen unsere Identität“, sagte die Kanzlerin. Das ist eine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem davon ausgegangen wird, dass seine Bevölkerung aus gleichberechtigten Bürgern besteht. Es ist aber mutig, das zu sagen, wenn immer wieder so getan wird, als hätten die einen eine Identität, die die anderen, um einen Ausdruck unseres künftigen Bundespräsidenten zu verwenden, „überfremden“. Ich weiß von mehreren spitzzüngigen, frechen jungen Menschen, die fast zwei Stunden lang tief ergriffen vor dem Fernseher saßen. Ihre Spottlust war verschwunden. Sie hörten Ismail Yozgat, Semiya Simsek und Gamze Kubasik zu. Und der Bundeskanzlerin. So viel konzentrierte Aufmerksamkeit erhält Angela Merkel, erhält die Politik selten bei diesem Teil der Bevölkerung.
Helmut Kohl schwieg damals
Deutschland hat sich verändert. Es genügt die Erinnerung daran, dass es am 6. Dezember 1992 eine Handvoll Menschen waren, darunter – das sei ihm unvergessen – der politische Reporter der Süddeutschen Zeitung Giovanni di Lorenzo, die in München eine Lichterkette gegen Ausländerhass und Rechtsradikalismus organisierten. Hier kämpfte nicht Links gegen Rechts. Hier meldeten sich Bürger, die nicht leben wollten in einem Staat, der es zuließ, dass Ausländerheime angezündet wurden. Sie protestierten nicht nur gegen die Täter. Sie protestierten auch gegen die Staatsführung, die zu den Mordtaten schwieg. Der damalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, der heute gar zu verehrte Helmut Kohl, schwieg. Kein Wort der Solidarität mit den Opfern, geschweige denn ein Wort gegen die Nachlässigkeit der Behörden oder gar eines gegen den alltäglichen Rassismus auch in den feineren Kreisen der Gesellschaft.
„So etwas darf nie wieder passieren“
Was wir gestern erlebten, war ergreifend. Nicht zuletzt darum, weil kaum mit großen Worten über unser Entsetzen, über unsere Hilflosigkeit hinweggetäuscht wurde. „So etwas darf nie wieder passieren“, heißt es jetzt in den Zeitungen. So etwas wird immer mal wieder passieren – wissen wir. Wir wissen auch, dass wir gar nicht wissen, was alles mit „so etwas“ gemeint ist. Daran erinnert die elfte Kerze. Gibt es allein die Zwickauer Terrorzelle? Gibt es keine anderen? Sind alle anderen Überfälle auf „Fremde“ spontane Zufallstaten, begangen nach zu viel Alkoholgenuss? Von Einzelnen? Gibt es keine anderen Serientäter? Gibt es keine anderen Serientäter, die sich zu kleinen Gruppen zusammenschließen, um am Wochenende „Ausländer zu klatschen“?
Die elfte Kerze darf nicht größer werden als die zwölfte
Wird das jetzt untersucht? Von den Bundesbehörden, von den Landespolizeien? Von den Kiezpolizisten? Gibt es auch nur eine Anweisung, den vergangenen Fällen unter diesem Gesichtspunkt nachzugehen? Wir wissen es nicht. Jedenfalls ist noch kein Ergebnis einer solchen, doch naheliegenden Untersuchung bekanntgeworden. Die elfte Kerze, die der anderen bekannten und unbekannten Opfer ist größer, viel größer als die zehn anderen zusammen. Fürchte ich. Weiß ich. Wir alle wissen es. Sie darf nicht größer werden als die zwölfte, die für unsere Hoffnung steht. Dann nämlich hätten wir dieses Land aufgegeben. Unser Land.
Wir haben ein schlechtes Gedächtnis. Wir sind gut im Wegschauen, und wir haben eine große Routine darin, uns am nächsten Tag mit dem nächsten Thema zu beschäftigen. Aber vielleicht sähe es in unserem Land auch besser aus, wenn der investigative Journalismus sich mit eben der Energie und dem Elan auf die zahlreichen ungeklärten rechtsradikalen Übergriffe stürzen würde, wie er es gerade so bravourös tat, um die kleinen legalen und womöglich illegalen, jedenfalls meist ein wenig schmuddeligen Pfennigfuchsereien des Bundespräsidenten Christian Wulff aufzudecken.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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