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23. September 2011

Leitartikel zur Papstrede: Auf die Sprache der Natur hören

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Mit Spannung wurde der Auftritt des Papstes im Deutschen Bundestag erwartet. Benedikt XVI. präsentierte sich als nachdenklicher Gelehrter und kluger Zeitgenosse.

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Der Papst ist immer gut für starke Emotionen. Am Donnerstag ist Benedikt XVI. im Bundestag etwas gelungen, was im Spektrum der Gemütszustände seiner Kritiker sonst keine so zentrale Rolle spielt: Der Papst könnte all seine Kritiker beschämt haben. Der Religionsführer aus Rom hat seine zweite Rolle als Staatsoberhaupt des Vatikans nicht zur Glaubenspropaganda im Parlament missbraucht. Er hat nicht am säkularen Staat herumgekrittelt, gegen die plurale Gesellschaft polemisiert oder gar Moral gepredigt. Nicht einmal die Standardformel christdemokratischer Redenschreiber von den „christlichen Wurzeln des Abendlands“ sind Benedikt über die Lippen gekommen: Europa, so der Papst stattdessen, gründe auf dem jüdischen Glauben, der griechischen Philosophie und dem römischen Recht – und zwar genauer auf deren „Begegnung“.

Anders gesagt: Unsere Kultur verdankt sich einer Integrationsleistung. Geschickter hätte der Papst die kulturhistorische Bedeutung des Christentums kaum würdigen können, ohne sie ausdrücklich zu erwähnen. Denn das hätte ihm bei der niedrigen Argwohnschwelle vieler Zuhörer sogleich den Vorwurf eingetragen, da trommele der Oberkatholik wieder in eigener Sache.

Dort wo der Papst tatsächlich als Fundamentalist auftrat und apodiktisch wurde, galten seine Worte den Werten, denen sich jeder aufgeklärte Demokrat verpflichtet weiß: der unantastbaren Würde jedes Menschen, der überragenden Bedeutung des Rechts als Grundvoraussetzung eines friedlichen Zusammenlebens. Dort hingegen, wo der Papst auf den Beitrag der Religion, speziell der christlichen Religion, für die Suche nach verbindlichen Quellen der Rechts- und Gesellschaftsordnung zu sprechen kam, wechselte er konsequent in den akademischen Modus der Diskussionsanregung und der offenen Frage: „Ist es wirklich sinnlos zu bedenken...?“

Noch souveräner und historisch wahrhaftiger wäre es gewesen, hätte Benedikt beim Lobpreis von Menschenwürde, Grundrechten und Gewissensfreiheit den jahrhundertelangen hinhaltenden Widerstand seiner Vorgänger erwähnt. Und seine These, das Christentum habe dem Staat – anders als der Islam – nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung auferlegt, dürfte mit Blick auf Konzepte wie das Gottesgnadentum kaum konsensfähig sein.

Aber aus dem Empörungsballon, der sich vor Benedikts Auftritt im Bundestag aufgepumpt hatte, ließ seine Rede von Absatz zu Absatz die Luft heraus – mit feinsinnigen Argumenten, einer Reverenz an den Geist des Grundgesetzes sowie mit klaren Bekenntnissen zu den Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft samt Trennung von Religion und Staat. Anders als in seiner Begrüßungsansprache vor Schloss Bellevue ließ der Papst überdies erkennen, dass ihm der Streit über seine Rede im deutschen Parlament wohl bewusst war. Aber er verzichtete auf jede Larmoyanz, jeden Seitenhieb. Aus seiner „internationalen Verantwortung“ wolle er schlicht „einige Gedanken“ darlegen. Und deswegen nun der ganze Zinnober?

Wenn Benedikt zum Schutz von Humanität und Freiheit gegen unbestreitbare Bedrohungen vorschlägt, sich neben universalen Vernunftprinzipien auch auf das Naturrecht zu besinnen, zieht er hier erklärtermaßen katholische Traditionslinien aus. Aber so zurückhaltend, wie er es tat, sollte dieser Gedanke zumindest als satisfaktionsfähiger Diskussionsbeitrag durchgehen. Zumal ihn Benedikt mit einem echten Clou servierte: Die ökologische Bewegung – und damit die Grünen, ausgerechnet – nahm der Papst als Kronzeugen für das Ungenügen einer rein positivistischen Weltsicht: Es gebe das Bewusstsein, dass die Erde „ihre Würde in sich selbst trägt“, was den Papst zu dem Appell führte: „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“

Die Würde des Menschen, ergänzt und interpretiert im Licht einer „Ökologie des Menschen“ und einer „Würde der Natur“ – das sind an- und erregende Anstöße. Als er sie präsentierte, mit unschuldigem Blick durch seine Gelehrtenbrille, da blitzte beim früheren Professor der akademische Schalk auf – „in der Hoffnung, nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen“. Nicht wieder, ist wohl zu ergänzen, eingedenk der Aufwallungen nach seinem Mohammed-kritischen Zitat in der Regensburger Rede 2006. Die Ansprache Benedikts im Bundestag sollte anders in Erinnerung bleiben: als Dialogangebot eines katholischen Intellektuellen an die säkulare Welt.


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Deren Antwort – nicht anmaßend, sondern konsequent – könnte darin bestehen, Benedikt an die Verwirklichung der Menschen- und Freiheitsrechte in seiner Kirche zu erinnern. Das nämlich ist die Lücke, aber auch die unausgesprochene Pointe einer eindrucksvollen Rede. Doch wer weiß, was der Papst in Deutschland noch in petto hat, um zu überraschen und zu verblüffen.

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