Die Liberalen meinen es ernst mit niedrigeren Steuersätzen. Damit wird Merkels Juniorpartner zum echten Problem und erschwert unnötig die Krisenbewältigung. Von Robert von Heusinger
Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
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Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
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Die Wahl ist gewonnen, der Koalitionsvertrag unterschrieben. Doch Ruhe gibt sie noch immer nicht, die Truppe um Guido Westerwelle. Dabei ahnten die Bürger bereits vor der Wahl, dass Steuersenkungen und Krisenbekämpfung nicht zusammenpassen, dass es sich bei den vollmundigen Versprechen der FDP um puren Wahlkampf handelte.
Das haben etliche Umfragen immer wieder belegt. Zumindest die Mehrheit erwartete keine Steuersenkungen nach der Wahl. Jetzt zeigt sich: Die Mehrheit irrte. Die FDP meint es ernst und will auf Teufel komm raus niedrigere Steuersätze. Damit werden die Liberalen zum echten Problem.
Sie zeigen, dass sie intellektuell noch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stehen und zumindest ökonomisch nichts dazugelernt haben. Schlimmer noch, sie machen die Krisenbewältigung unnötig schwierig und erhöhen das Risiko, dass Deutschland auf ein weiteres verlorenes Jahrzehnt zusteuert.
Das wichtigste Ziel der schwarz-gelben Regierung muss Wachstum lauten. Nur so kommt Deutschland aus der Krise, nur so entstehen Jobs, nur so können die hohen Staatsschulden, die Folge der Krise sind, wieder abgebaut werden.
Die großen Deregulierer - und ihre Sprüche
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Die großen Deregulierer - und ihre Sprüche
Wir zeigen in aufsteigender Reihenfolge, zu wie viel Prozent sich Politiker und Wirtschaftsweise vor der Krise für eine Deregulierung des Marktes ausgesprochen haben.
0,0 Prozent: Grünen-Chefin Claudia Roth:
"Wir fordern die Bundesregierung und die anderen führenden Industrienationen auf, die Transparenzvorschriften bei Hedge Fonds deutlich zu verschärfen, damit die Finanzaufsichtbehörden in der Lage sind, rechtzeitig Fehlentwicklungen zu bemerken."
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0,0 Prozent: Die Linke-Parteichef Oskar Lafontaine:
"Wir brauchen eine Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs, um das Weltspekulationskarussell zu beenden."
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0,0 Prozent: Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kurz Beck:
"Aber es ist doch klar, dass wir als größtes Wirtschaftsland in Europa und Exportweltmeister uns nicht außerhalb der internationalen Finanztransfers stellen wollen und können."
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22,5 Prozent: SPD-Chef Franz Müntefering:
"Auf Dauer brauchen wir aber sozial akzeptable Regeln, um die Risiken, die sich aus dieser neuen Finanzindustrie ergeben, zu begrenzen..."
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33,3 Prozent: Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers:
Jürgen Rüttgers forderte eine Liberalisierung Hedgefonds und Krankenversicherungen, aber trotzdem einen gesetzlichen Kündigungschutz und eine Regulierung von Managergehältern.
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48,0 Prozent: Arbeitsminister Olaf Scholz:
"Kündigungsschutz, Betriebsverfassung und Mitbestimmung in Unternehmen bleiben, wie sie sind. Sie sind keine Wachstumshemmnisse, sondern stärken die Beschäftigung in Deutschland."
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50,0 Prozent: Umweltminister Sigmar Gabriel:
"Die Mitbestimmung ist ein echtes deutsches Erfolgsmodell."
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50,0 Prozent: Bayrischer Ministerpräsident Horst Seehofer:
"Ansonsten halte ich die Tarifautonomie für ein hohes Gut"
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55,0 Prozent: Finanzminister Peer Steinbrück:
"Eine direkte Regulierung der Hedgefonds ist allerdings auch nicht unbedingt zwingend, wenn sich der indirekte aufsichtsrechtliche Ansatz bewährt, der auf Marktdisziplin baut und beim Risikomanagement der regulierten Geschäftspartner der Hedgefonds ansetzt."
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66,7 Prozent: Ministerpräsident von Niedersachsen Christian Wulff:
"Weniger Staat. Niedrigere Staatsquote, flexibleres Arbeits- und Tarifrecht. Wir brauchen einen Arbeitsmarkt, der den Namen "Markt" verdient."
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70,8 Prozent: Bundeskanzlerin Angela Merkel:
"Sie wissen, ich bin gegen eine gesetzliche Begrenzung von Managergehältern."
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75,0 Prozent: Hessischer Ministerpräsident Roland Koch:
"Wir müssen es den Unternehmen ermöglichen, längere Arbeitszeiten zu vereinbaren und mehr befristete Arbeitsverhältnisse bei Neueinstellungen eingehen zu können."
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81,3 Prozent: Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos:
"Um die Konjunktur zu stützen, brauchen wir Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt."
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87,5 Prozent: Ministerpräsident von Baden Würtemberg Günther Oettinger:
"Wir brauchen weit mehr marktwirtschaftliche Impulse im Gesundheitswesen."
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100,0 Prozent: FDP-Chef Guido Westerwelle:
"Wir werden nach dem Wahlsieg 2006 die Gewerkschaftsfunktionäre entmachten. Wir werden das starre Tarifvertragssystem aufbrechen."
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62,5 Prozent: Wirtschaftsweiser und Ökonom Peter Bofinger:
"Anders als gelegentlich behauptet gehen von den Aktivitäten sowohl der Hedge-Fonds als auch der Private-Equity-Gesellschaften keine wesentlichen Risiken für Unternehmer oder Anleger aus." (Sachverständigenrat-Gutachten 2005, S. 492)
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87,5 Prozent: Ex-Wirtschaftsweiser und Berater der Regierung Bert Rürup:
"Die Politik sollte den Kurs der Liberalisierung und Modernisierung des deutschen Finanzplatzes zügig fortsetzen, um die Chancen von neuen Finanzinstrumenten nutzbar zu machen." (SVR-Gutachten 2005)
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87,5 Prozent: Wirtschaftswissenschaftlerin und Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro:
"Für die Europäische Union sollte früher oder später ein einheitliches Aufsichtssystem geschaffen werden, das sich an den dezentralen Strukturen des Europäischen Systems für Zentralbanken orientieren könnte." (SVR-Gutachten 2007)
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87,5 Prozent: Wirtschaftsweiser und Ökonom Wolfgang Franz:
" Nach den bisherigen Überlegungen scheint solch ein gradueller Wandel hin zu einer privaten Beteiligung an öffentlich-rechtlichen Banken keine Verschlechterung der gegenwärtigen Zielerreichung zu bedeuten. Gleichzeitig würde dies die finanzpolitischen Optionen der Träger erweitern und könnte zu einer Entflechtung von Politik und Bankgeschäft beitragen." (SVR-Gutachten 2004)
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87,5 Prozent: Wirtschaftsweiser Wolfgang Wiegard:
"...dass betriebsbedingte Kündigungen generell zulässig sein sollten und stattdessen ein von der Dauer der Betriebszugehörigkeit abhängiger, verbindlicher Abfindungsanspruch gewährt wird." (SVR-Gutachten 2006)
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100,0 Prozent: Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Klaus Zimmermann:
Zimmermann setzte sich vor allem für eine Liberalisierung des Kündigungsschutzes, der Krankenversicherungen und der Zeitarbeit ein.
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100,0 Prozent: Präsident des Ifo-Instituts Hans Werner Sinn:
"Ich sagte schon, dass die Marktwirtschaft nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Knappheit entlohnt. Die deutschen Bezüge sind aus Sicht von Otto Normalverbrauchern hoch, im Vergleich zu den USA und den angelsächsischen Ländern aber eher bescheiden."
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100,0 Prozent: Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Dennis J. Snower:
"Sobald wir anfangen uns abzukapseln - durch Mindestlöhne, erweiterten Kündigungsschutz und ähnliche Schutzmaßnahmen - erdrosseln wir entweder die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen oder zwingen sie, ins Ausland zu flüchten."
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100,0 Prozent: Arbeitsmarktforscher Christoph Schmidt:
Auch Christoph Schmidt sprach sich für eine Deregulierung der Bereiche Kündigungsschutz, Flächentarife und Krankenversicherung aus.
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100,0 Prozent: Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle Ulrich Blum:
Auch Ulrich Blum vom IfWH plädierte für eine Liberalisierung von Krankenversicherungen und Zeitarbeit.
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100,0 Prozent: Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts Thomas Straubhaar:
"Weder strengere Gesetze noch schärfere Kontrollen können menschliches Fehlverhalten und Fehlentscheidungen verhindern. Je mehr Führungskräfte durch Gesetze gebunden und geknebelt werden, umso weniger fühlen sie sich moralisch für ihr Verhalten verantwortlich, weil sie sich vor allem als Ausführende, weniger aber als Anführer verstehen." (HWWI Standpunkte August 2007) - Sehen Sie auch: Der Deregulierungsrat im FR-Experten-Check.
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Darf die Finanzwelt machen, was sie will? Oder muss der Staat regulierend eingreifen? Der Streit darüber ist alt, die Positionen dazu sind in jüngster Zeit aber überraschend neu. Wir erinnern an frühere Stellungnahmen - von Politikern und Ökonomen. (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung)
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Dass die FDP nicht auf die Opposition und die Gewerkschaften hört, ist verständlich, aber dumm. Denn SPD und Grüne wissen, warum sie selbst im Wahlkampf gegen groß angelegte Steuersenkungen waren. Ihnen gebührt nämlich das Verdienst, die größte Steuersenkung in der Geschichte der Bundesrepublik in den Jahren 2000 und folgende verantwortet zu haben.
Das Ergebnis war verheerend: Obwohl die Steuern konjunkturell zum richtigen Zeitpunkt sanken, als nämlich Deutschland in die Rezession glitt, die sich dem Platzen der New-Economy-Blase anschloss, avancierte Deutschland über Jahre hinweg zum Schlusslicht in Europa. Das Wachstum war mickrig. Warum? Mehr Netto vom Brutto beflügelte weder die Investitionen noch den Konsum.
Im Gegenteil: Die Menschen legten das Geld auf die hohe Kante, da sie Sorge vor der wirtschaftlichen Zukunft hatten oder weil sie ihre Konsumwünsche sich auch vorher schon erfüllen konnten. Der Staat aber hatte weniger Einnahmen und sparte hinter der Rezession her, womit er jegliches Wachstum im Keim erstickte. Die Folge: rasch steigende Staatsschulden und Blaue Briefe aus Brüssel.
Dass die FDP nicht auf die Bundesbank und den Sachverständigenrat hört, deren Ratschläge sie früher eins zu eins kopierte, muss die Alarmglocken schrillen lassen. Wo schreiben die Herren Westerwelle, Solms und Brüderle sonst ihre Rezepte ab? Bundesbank und Sachverständige sehen keine Spielräume für Steuergeschenke. Sie fürchten, dass dadurch der Staatshaushalt langfristig beschädigt wird.
Dass die FDP die Sorgen der EU-Kommission in den Wind schlägt, die fürchtet, Deutschland könnte mit groß angelegten Steuersenkungen ganz Europa als schlechtes Vorbild dienen, lässt endgültig an der Seriosität dieser "Wirtschaftspartei" zweifeln. Und dass sich sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie, also die deutsche Wirtschaft höchstpersönlich, bemüßigt fühlt, die FDP daran zu erinnern, dass die Konsolidierung der Staatsfinanzen wichtiger sei als umfassende Steuersenkungen, macht den steuerpolitischen Amoklauf der Liberalen offensichtlich.
Was bringt die Liberalen auf den rechten Weg? Vielleicht ein bisschen Aufklärung: Wir schreiben das Jahr 2009, nicht 1980! Die Steuerquote liegt im internationalen Vergleich im unteren Drittel, nicht mehr im oberen! Genau anders sieht es dreißig Jahre später bei der Größe des Niedriglohnsektors aus.
Dass Steuersenkungen selbstfinanzierend seien, wie das die in den 80er Jahren populäre Laffer-Kurve behauptet, ist wissenschaftlich widerlegt. Wenn das Ziel Wachstum lauten sollte, gibt es effizientere Mittel: etwa eine ökologisch sinnvolle Abwrackprämie für alte Heizkessel oder eine befristete Subvention für Neuinvestitionen der Firmen, indem man höhere jährliche Abschreibungen erlaubt. Beide Vorschläge gäben der noch immer lahmenden deutschen Konjunktur Schub.
Sollte die Aufklärung versagen, muss die Frage lauten: "Wer bringt die Liberalen auf den rechten Weg?" Hier ruht alle Hoffnung auf Wolfgang Schäuble. Die ersten Äußerungen des neuen CDU-Finanzministers klingen mutig, pragmatisch und modern. Wäre nicht die 15-Prozent-Partei, müsste man sich kaum um die ökonomische Zukunft des Landes sorgen.