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Kolumne: Liebe Kreidefelsen auf Rügen!

Verlieren hat seine Zeit, und behalten hat seine Zeit. Von bröckelnden Steinen und zweifelhaftem Ruhm in der Walhalla.

Steine. Allüberall. Steine wegwerfen hat seine Zeit. Steine sammeln hat seine Zeit. Wie Eis an den Wänden einer auftauenden Gefriertruhe rutschte ein Stück des deutschesten aller deutschen Felsen auf Rügen einfach so ins Meer. Was da so runterschmierte, war nicht einfach Sedimentgestein aus Kreide, nein, was sich ohne Ankündigung und Gehabe nach Millionen von Jahren einfach so ablöste, ist ein Stück nationaler Identität. Die Kreidefelsen, festgehalten von Caspar David Friedrich, diese Kalkformation, die wie ein geöffneter Haifischschlund mit Zackenzähnen aussah, auch sie hat es womöglich nie gegeben, oder sie sind abgetragen und fortgespült. Wäre Heimat kein Begriff, sondern ein Brathähnchen, wäre jetzt ein Teil der knusprigen Haut abgenagt. Verlieren hat seine Zeit, und behalten hat seine Zeit.

Regensburg. Die aus Stein gehauenen Nationalhelden in der deutschen Heldenbox, der Walhalla, bekamen diese Woche einen Mithäftling. Heinrich Heine wurde an den Ort gebracht, den er einst als „marmorne Schädelstätte“ verspottete. Nun hängt er in der von König Ludwig I. geschaffenen Totenhalle für Deutschsprachige, die dem Vaterland Bedeutung, Ruhm und Ehre brachten. Das tat Heinrich Heine ganz gewiss. Auch wenn manche es anders sahen.

Heine war Jude. Später konvertierte er sogar zum Christentum und bereute es; denn an den Schmähungen änderte sich nichts. Beleidigt wurde er von allerfeinsten Kulturgrößen. Wie gern wäre Heine Professor in München geworden, wie hoffte und wünschte er es! Dann kam Dichter August Graf von Platen dazwischen, der vor Heine als einem nach Knoblauch stinkenden Juden warnte und ihn als „Synagogenstolz“ beschimpfte. Heine, tief getroffen, schoss zurück, indem er Platen als Homosexuellen erst outete und dann mit Häme begoss.

Das Ende vom Lied? Genau dieser König, der später die Gesteinsgruft Walhalla gründete, ein Wort, dessen letzte Silbe wie geschaffen ist zum ehrfürchtigen stimmlosen Ausatmen, hatte Heine Professur und Gemütsruhe vorenthalten. Heinrich Heine kehrte Deutschland zermürbt den Rücken und ging nach Paris. Er litt mal mehr und mal weniger an Deutschlandweh; denn hassen hat seine Zeit, und lieben hat seine Zeit, so sprach schon weise König Salomon.

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Jahre, Jahrzehnte später noch wurden Heinrich-Heine-Gedenkplatten und -Büsten verhindert, wieder abgehängt und eingeschmolzen, weil man des Juden nicht gedenken wollte, des „Schmutzfinken im deutschen Dichterwald“, wie Kaiser Wilhelm II. urteilte. Als vorläufig krönenden Abschluss der Demütigung geleitete Horst Seehofer persönlich Heine in den Torsotempel, weil man zu Lebzeiten mit ihm machte, was man wollte, und als Toter hat er auch keine Ruh’. Von ganz oben verschmäht zu sein, ist ein ähnlich zweifelhaftes Privileg wie von ganz oben beehrt zu werden. Konsens sei, so hieß es, dass der gesamte Akt um den deutschen Ruhmestempel trotz Staatsakt nur noch als Ironie verstanden werden könne und solle.

Nur ganz im Norden unseres Landes löste sich über Nacht ein Stück steinernes Nationalheiligtum aus Empörung über diese nicht enden wollende Schmach des armen Heine und ließ sich mit aller Wucht ins Meer fallen.

Steine sammeln hat halt seine Zeit. Und Steine werfen auch.

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

Autor:  Mely Kiyak
Datum:  30 | 7 | 2010
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