Die Evangelische Kirche in Deutschland hat eine katholische Wahl getroffen: Sie setzt mit Margot Käßmann auf die Kraft der Persönlichkeit, auf Charisma und Gestaltungswillen, auch auf Medienpräsenz. In der Theorie kommt der geistlichen Leitung in der evangelischen Kirche längst nicht die theologische und funktionale Bedeutung zu wie dem römisch-katholischen Bischofsamt.
Darauf verweisen Protestanten gern auf die Frage, wie neidisch sie auf die Öffentlichkeitswirksamkeit insbesondere des Papstes seien. In Ulm aber hat sich die Synode, das höchste Leitungsorgan der EKD, sehr bewusst gegen das Modell einer Außendarstellung über Gremien und deren Funktionäre entschieden; sie hat stattdessen eine Neben-Päpstin installiert, ohne katholisches Gepränge, aber mit vergleichbarer Strahlkraft.
Von der Aufmerksamkeit her für alles, was sie künftig sagt und tut, wird sie hinter Papst und Kardinälen nicht zurückstehen. Sie hat diese Führungsrolle auch schon bisher angenommen: als das - neben Wolfgang Huber - bekannteste Gesicht des Protestantismus.
Nun sollte keiner glauben, dass Käßmanns Auftreten nicht auch auf Vorbehalte und Missgunst gestoßen wäre. Margots Marketing hat beileibe nicht jedem gefallen, ihre dezidiert liberale Position auch nicht. Und dass die Scheidung der Bischöfin ebenso ein Stein des Anstoßes war und zu Zweifeln an ihrer Eignung für den Ratsvorsitz führte, gehört auch zur protestantischen Realität am Anfang des dritten Jahrtausends.
"Ökumene der Profile"
Umso bemerkenswerter, wie einhellig am Ende die Wahl ausgefallen ist. Es ist wie das Gütesiegel auf Käßmanns Art, zu existenziellen Brüchen zu stehen: Die Kirche predigt Lebensideale, aber sie kennt die Wirklichkeit und bekennt sich dazu. Das ist der Subtext dieser Wahl.
Das von Käßmann verkörperte evangelische Selbstbewusstsein und damit eine ökumenische Wahrnehmung auf Augenhöhe wird mit ausschlaggebend gewesen sein. Sie wird gerade jenen Protestanten guttun, die gern von einer "Ökumene der Profile" reden, hinter der sich in Wahrheit aber oft genug Profilneurosen verbergen - ein wechselseitiges sich Abarbeiten an Schwächen, Unzulänglichkeiten und Ärgernissen.
Das unlängst an die Öffentlichkeit lancierte Papier aus der EKD-Spitze fällt in diese Kategorie mit seiner bräsigen Überheblichkeit gegenüber der katholischen Kirche. Umgekehrt scheint der Vatikan kaum eine größere Befriedigung zu kennen, als anderen Kirchen nur einen minderwertigen Status zuzubilligen.
Dagegen hat sich schon Käßmanns Vorgänger Huber mit - im Wortsinn - reformatorischer Schärfe verwahrt. Seine Nachfolgerin wird womöglich noch deutlicher und zugleich gelassener auf die Kraft des Faktischen bauen können. Wo der Theologieprofessor Huber vor allem auf den geschliffenen Disput setzte, geht Käßmann eher den emotionalen Weg. Wer sich von überzeugenden "Glaubensboten" wie ihr auf die christliche Sache ansprechen lässt, dem werden konfessionelle Animositäten herzlich egal sein.
Selbst dem Staat einen Schritt voraus
Käßmann ist Profi genug, um zu wissen, dass das neue Amt ihrer Stimme einzigartiges zusätzliches Gewicht verleiht. An einer Landesbischöfin mag man im kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs vorbeikommen, an der Ratsvorsitzenden nicht. Sollte Benedikt XVI. zum Beispiel noch einmal mit Vertretern des deutschen Protestantismus zu sprechen geruhen, wird Käßmann nicht wieder - wie 2005 beim Kölner Weltjugendtag - mit allerhand Finessen von der Teilnehmerliste gestrichen werden können.
So folgerichtig und scheinbar alternativlos Käßmanns Wahl also ist, hat sie gleichwohl einen gewaltigen Symbolwert: die erste Frau im Ratsvorsitz, die erste weibliche Doppelspitze zusammen mit Katrin Göring-Eckardt als Präses der EKD-Synode. Damit ist die evangelische Kirche selbst dem Staat einen Schritt voraus, von der römischen Männerkirche gar nicht zu reden.
Man mag solches Denken in Geschlechterproporz als vordergründig und oberflächlich bekritteln - um die psychologische Wirkung und den Modernitäts-Appeal solcher Personalentscheidungen weiß niemand besser als Käßmann selbst. Wiederholt hat sie betont, wie sehr Angela Merkel weibliche Rollenbilder verändert hat: Eine junge Frau könne heute als Berufsziel "Bundeskanzlerin" angeben, ohne für solche Ambitionen stärker belächelt zu werden als ein Mann in gleicher Lage. Seit gestern darf auch "EKD-Ratsvorsitzende" auf dem Wunschzettel stehen. Gut so.
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