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09. Januar 2014

Massentierhaltung: Das Tier als Maschine

 Von 
Tausende Hühner in einem Stall eines Geflügelmastbetriebes in Brandenburg.  Foto: dpa

Wer über Fleisch redet, redet nicht nur über Ernährung, Wirtschaft und Ethik, sondern auch über Umweltschutz. Die Schäden, die unsere Esskultur anrichtet, sind enorm.

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Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch?“, hat die Werbeagentur Scholz & Friends einmal getextet. Eingebrannt war die provokante Frage, die humorvoll, aber wenig sensibel Vegetarier aufs Korn nahm, auf ein saftiges Rindersteak. Für die Idee gab es sogar eine Auszeichnung vom Art Directors Club. Der Kampf der Kulturen ist auch Jahre später noch im Gang. Fleisch-Aficionados, die am Kiosk die Zeitschrift „Beef“ kaufen und jedes Wochenende den Grill anfeuern, stehen Vegetariern gegenüber, die sich um Tiere und Umwelt sorgen. Dazwischen diejenigen, die ihren Fleischkonsum reduzieren oder sich überhaupt keine Gedanken machen und damit andere empören. Ja, Essen ist politisch.

59,5 Kilogramm Fleisch haben die Deutschen im Jahr 2012 pro Kopf verzehrt. Viel mehr, als die Welternährungsorganisation FAO empfiehlt, um eine Unterernährung und Unterversorgung mit lebenswichtigen Nahrungsbestandteilen zu verhindern. Dafür wären laut FAO 7,3 Kilogramm pro Jahr, oder 20 Gramm pro Tag, ausreichend. Viele Vegetarier erfreuen sich allerdings auch ganz ohne Fleisch bester Gesundheit. Fleisch, in den Mengen, wie sie in Deutschland verzehrt werden, ist Luxus, Geschmackssache. Ein Luxus allerdings, der nicht viel Kosten soll und zulasten anderer geht: Nicht nur Tiere leiden, auch Arbeiter werden ausgebeutet und die Umwelt belastet.

Das Bewusstsein für diese Auswirkungen des Fleischkonsums ist in den vergangenen Jahren zum Glück gestiegen. Laut einer Forsa-Umfrage bemühen sich 52 Prozent aller Deutschen, weniger Fleisch zu essen. Nicht immer erfolgreich, aber der gute Wille steht ja schließlich am Anfang jeder Veränderung. Die Zahl der Vegetarier hat sich seit 2006 verdoppelt, auf zwar noch immer bescheidene 3,5 Prozent, aber immerhin. Insgesamt geht der Fleischkonsum in Deutschland zurück. Im europäischen Vergleich liegt die Bundesrepublik in dieser Kategorie im Mittelfeld. Ganz vorne ist sie hingegen, was die Fleischindustrie angeht. Die boomt, ungeachtet des Mentalitätswandels bei einem Teil der Verbraucher. Über 18 Milliarden Euro Nettoumsatz machte die Branche 2012. Hierzulande wird laut dem neuen Kritischen Agrarbericht ein Fünftel mehr Fleisch hergestellt als zur Selbstversorgung nötig ist. Tierfabriken entstehen, Höfe mit Tausenden von Tieren. Was im Inland nicht verbraucht wird, geht günstig ins Ausland. Und der Versuch, Fleisch immer billiger herzustellen, läuft weiter.

Wichtigste Ursache für den Klimawandel

Es ist eine Revolution, die kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende begonnen, sich speziell aber in den vergangenen 50 Jahren ereignet hat. In Europa wurden noch in den 1960er Jahren die meisten Tiere in mittleren und kleinen Herden gehalten. Der Bauer fütterte sie mit Heu und Getreide, das er selber auf seinem Hof anbaute. Im Frühling ging es auf die Weide und im Herbst wurde hofnah geschlachtet. Heute sehen die Tiere oft kein Tageslicht mehr, sind ein Leben lang eingepfercht in den Ställen und ihre Gesundheit ist oft bedauernswert.

Es wurden Tiere gezüchtet, die in der Natur nicht mehr überlebensfähig sind, aber optimierte Ergebnisse liefern. Chemiefirmen verdienen Geld mit Vitamin D, das eingesetzt wird, damit die Knochen von Masthähnchen wegen der rasanten Gewichtszunahme nicht zusammenbrechen. In der Eierproduktion werden hierzulande jährlich etwa 40 Millionen männliche Küken lebendig geschreddert oder vergast. Schweine werden geschlachtet, wenn sie etwa ein halbes Jahr alt sind. Tiere sind zu Maschinen geworden, die Futter hocheffizient in Fleisch, Eier, Milch umwandeln, und die sonst keine weitere Daseinsberechtigung haben.

Könnten wir uns einen solchen Umgang mit Katzen oder Hunden vorstellen? Würden wir ihn akzeptieren? Wohl nicht. Dabei sind Schweine genauso intelligent und einfühlsam wie Hunde. Sie können Probleme lösen, spielen, Zuneigung erwidern. Welche Rechte also haben Nutztiere? Es ist die schwierigste aller Fragen, und es haben sich schon große Köpfe der Weltgeschichte darüber zerstritten. Da Vinci und Benjamin Franklin traten für eine Tierethik ein, Kant und Descartes lehnten sie ab. Vermutlich beginnt eine Lösung beim guten Gewissen der Menschen. Erst kommt die Moral, dann kommt das Fressen.

Wenn es Argumente dagegen gibt, warum essen wir dann noch Fleisch? Weil was wir essen und wie wir zum Essen stehen, viel mit unserem Geschmack und unserer Identität („Richtige Männer essen Fleisch“) zu tun hat. Ein Stück Fleisch zu essen ist emotional oft die größere Befriedigung, als auf eins zu verzichten.

Doch wer über Fleisch redet, redet nicht nur über Ernährung, Wirtschaft und Ethik, sondern auch über Umweltschutz. Die Schäden, die der Fleischkonsum anrichtet, sind enorm. Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung trägt 40 Prozent mehr zur globalen Erwärmung bei als der globale Transportverkehr. Sie ist die wichtigste Ursache für den Klimawandel. Wer Umweltschützer sein will, muss den Fleischkonsum minimieren.

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