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18. Oktober 2011

Meinung: Option Stammzelle

 Von Lilo Berg
Menschliche Embryonen.

Ob die künstlich programmierten Zellen tatsächlich Parkinson, Alzheimer oder Diabetes heilen können, bleibt zu beweisen. Bis dahin sollte man klugerweise der Forschung alle Wege offenhalten.

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Berlin –  

Der Europäische Gerichtshof stürzt die biomedizinische Forschung in ein Dilemma. Nach seinem Urteil ist es in Europa künftig nicht möglich, das geistige Eigentum an Ergebnissen von Studien zu schützen, die an embryonalen Stammzellen durchgeführt werden, wenn dafür der Embryo zerstört werden muss. Solche Studien sind in etlichen Mitgliedsländern durchaus rechtens. Auch in Deutschland darf unter bestimmten Auflagen mit Embryostammzellen geforscht werden. Wie lange noch, fragt man sich in den Labors, wenn die wirtschaftliche Nutzung der Resultate von den Luxemburger Richtern als sittenwidrig und Verstoß gegen die Menschenwürde getadelt wird. Wer wird die Studienergebnisse aus Europa künftig nutzen, wenn es hiesigen Forschern untersagt ist?

Das Votum aus Luxemburg ist bindend, die Mitgliedsländer dürfen sich nicht darüber hinwegsetzen. Als Erstes muss der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die Vorgabe umsetzen. Es geht um das abschließende Urteil in einem zwölf Jahre alten Rechtsstreit zwischen dem Bonner Neuropathologen Oliver Brüstle und der Umweltorganisation Greenpeace. Gegenstand des Streits ist ein Verfahren zur Nutzbarmachung von Embryostammzellen für Therapien gegen Nervenkrankheiten. Brüstle hatte 1999 ein Patent darauf bekommen, das aber 2006 nach einer Greenpeace-Klage für nichtig erklärt wurde. Zuletzt beschäftigte der Fall den Bundesgerichtshof, der sich schließlich mit der Bitte um Amtshilfe an das übergeordnete europäische Gericht in Luxemburg wandte. Der Urteilsspruch aus Deutschland sollte nicht in Konflikt mit der EU-Biopatentrichtlinie geraten: Sie untersagt die Patentierung sittenwidriger Erfindungen, die zum Beispiel durch die Zerstörung menschlicher Embryonen zustande gekommen sind.

Ohne Patentschutz, kein Investor

Es geht also um die Frage, ob Oliver Brüstle für seine Forschung keimendes Leben vernichtet, wie Greenpeace behauptet, oder ob er es nicht tut. Tatsächlich wird in den Bonner Labors mit Zelllinien experimentiert, die im Ausland aus befruchteten Eizellen entwickelt wurden. Hergestellt für eine künstliche Befruchtung wurden sie dann nicht gebraucht und wären weggeworfen worden. Anders als aus den befruchteten Eizellen können aus den Zelllinien für die Forschung keine Kinder mehr entstehen, wohl aber Zellen für einzelne Organe und Gewebe. In Deutschland ist es seit 2002 erlaubt, unter strengen Bedingungen mit embryonalen Zelllinien aus dem Ausland zu forschen.
Die Resultate dieser Grundlagenforschung in neue Medikamente und Therapien umzumünzen, dürfte nach dem Luxemburger Urteil in Europa schwierig werden. Einerseits fordern Patienten und Politiker zu Recht, dass neue Erkenntnisse schnell den Kranken zugutekommen. Aber ohne Patentschutz, der die zeitlich begrenzte exklusive Verwertung sichert, wird kein Investor die hohen Entwicklungskosten auf sich nehmen wollen. Zumal es im außereuropäischen Ausland, etwa in den USA, aber auch in Asien, genügend Alternativen gibt.

Es geht nicht um einen Freibrief für jede Patentidee aus der biomedizinischen Forschung. So muss zum Beispiel sorgfältig geprüft werden, ob der Nutznießer nicht doch ein Patent auf Leben verlangt, das ihm die alleinige Nutzung etwa von Erbgut zugesteht. Das würde Forschung und Anwendung enorm behindern. Aber diese Gefahr besteht im aktuellen Fall nicht. Brüstle betreibt keine sittenwidrige Forschung, und sein Patent verstößt auch nicht gegen die Menschenwürde, wie es der Europäische Gerichtshof behauptet.

Alle Optionen offenhalten

Die Forscher auf neue Möglichkeiten des Fachs zu verweisen, wie es Greenpeace tut, trifft das Problem nur zum Teil. Zwar haben ausgewachsene Stammzellen viel mehr Potenzial als man vor einigen Jahren ahnte. Ob die künstlich reprogrammierten Zellen, die iPS-Zellen, tatsächlich Parkinson, Alzheimer und Diabetes heilen können, wie oft behauptet wird, bleibt zu beweisen. Bis dahin sollte man klugerweise alle Optionen offenhalten, inklusive der Forschung an humanen Embryostammzellen, die auch hilft, Mechanismen der natürlichen Entwicklung zu verstehen.


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Der Richterspruch aus Luxemburg wird Nachbeben in ganz Europa auslösen. In Großbritannien und Schweden, in Ländern mit liberalen Gesetzen für die Stammzellforschung, gelten bereits mehr als hundert Patente für Anwendungen, die auf menschlichen Embryozellen basieren. Werden sie zu halten sein? Und wie wird das Urteil Irland und andere europäische Staaten, die derzeit Regeln für die Stammzellforschung aufstellen, beeinflussen?

Zur Klärung trägt das Votum des Europäischen Gerichtshofs nicht bei. Es wird heiß umkämpft und bald überholt sein.

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