Nur um einmal die Fallhöhe zu markieren: In den Spekulationen um die Nachfolge von Kardinal Georg Sterzinsky fiel bisweilen der Name Reinhard Marx. Der Münchner Kardinal ist ein gewiefter Kirchenpolitiker; er hat Sinn für die strategische Bedeutung kirchlicher Präsenz am Sitz von Regierung und Parlament. Darum, so die Kolportage, hätte Berlin auf Marx noch größeren Reiz ausüben können als die bajuwarisch-katholischen Stammlande. Marx ist in München geblieben. Stattdessen kommt Rainer Woelki. In dessen Werdegang sticht die besondere Nähe zum Kölner Kardinal Joachim Meisner hervor: Erst war er dessen Privatsekretär, dann Weihbischof in der Domstadt.
Bereits zum dritten Mal binnen weniger Jahre ist es Meisner, dem Frontmann des konservativen Katholizismus, gelungen, einen seiner Adlati an die Spitze eines anderen Bistums zu hieven. Liberalere Bischöfe hadern mit der Macht vom Rhein, weil Meisner die Kirche personell und inhaltlich auf seinen Weg zu zwingen versucht: in missbilligend-unleidlicher Distanz zur modernen Gesellschaft; mit einem elitären Selbstverständnis von Kirche als heiliger Schar in feindlichem Gelände.
Das ist nirgends in Deutschland so unangebracht wie in Berlin, dem Kristallisationsort unterschiedlichster Lebensstile und Interessen. Die katholische Kirche ist nur ein Player unter vielen. Will sie auftrumpfen und allen anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, ist sie zum Scheitern verurteilt, sie macht sich zum Gespött und endet im Schmollwinkel.
Um dem zu entgehen, sollte der Bischof von Berlin ein Mann höchsten Formats sein. Dass nun Woelki für diesen Posten ausersehen ist, muss als Indiz für ein massives Problem der Kirche mit ihrer Führungsreserve gelten. Der erste Auftritt gelang Woelki zwar persönlich einnehmend und ohne Präpotenz. Doch in allen Fragen der kirchlichen Lehre und Praxis zog er sich auf Formeln, biblische Paraphrasen und Katechismus-Weisheiten zurück. Immerhin sprach er ungefragt von häufigen Divergenzen mit Meisner und wagte gar die Empfehlung, ein Bischof solle „nicht dauernd mit dem moralischen Zeigefinger fuchteln“ – was Meisners Lieblingsgestus ist. Eine eigene Souveränität jedoch geht Woelki – bisher – ab. Das ist deswegen bemerkenswert, weil er alsbald zum Kardinal erhoben werden wird. Damit rückt er in den exklusivsten Zirkel der Milliarden-Organisation katholische Kirche ein, aus dem eines Tages der neue Papst gewählt wird. Diesen Gedanken mit dem scheuen, ungelenk-unbedarften Auftreten Woelkis in Einklang zu bringen, dürfte selbst geneigten Beobachtern schwer fallen.
Längst vorbei sind in Deutschland die Zeiten, in denen der Episkopat aus einem Mix gestandener Seelsorger, versierter Administratoren und exzellenter Wissenschaftler bestand. Ob Joseph Ratzinger, Karl Lehmann oder Walter Kasper – Theologen dieses Kalibers sucht man unter den jüngeren Bischöfen weithin vergeblich. Akademische Freiheit oder intellektuellen Weitblick verbergen sie – sofern vorhanden – geschickt hinter dogmatischer Strenge und hierarchischem Posieren. „Einfach katholisch sein“, so hat Woelki sein Profil beschrieben. Wenn das nicht nur rhetorische Koketterie ist, führt solche Selbstgenügsamkeit zur Selbstmarginalisierung der Kirche. Den Anschluss an das Gespräch mit der Gesellschaft wird sie so verpassen.
Auch das gilt in besonderem Maß für die Metropole Berlin, wo heute gerade einmal 300 000 Katholiken leben. Kaum jemand außerhalb des schwindenden Kernmilieus gewährt Bischöfen Artenschutz qua Amtsgnade. Einen ersten Rempler hat Woelki bereits einstecken müssen. Wegen einiger Sätze zur Homosexualität ließen Politiker prompt Zweifel an seiner Eignung laut werden. Dabei hat Woelki auch in diesem Fall lediglich theologische Allgemeinplätze reproduziert – ohne Abstriche zwar, aber auch ohne Scharfmacherei. Wollte man Bischofskandidaten auf weniger festlegen, gäbe es keinen einzigen mehr, der vom Vatikan das Plazet erhielte. Trotzdem wird sich Klaus Wowereit ungern sagen lassen, er lebe „im Widerspruch zur Schöpfungsordnung“. Jenseits von Schulbuchwissen über Homosexualität wird die Begegnung mit Berlins Regierendem Homosexuellen für Woelki also zu einer ersten pastoralen und politischen Bewährungsprobe.
In einem fußballerischen Vergleich hat sich der künftige Erzbischof zu einem Lob der Nr. 10 aufgeschwungen: Als Spielführer wolle er andere in Szene setzen, ihnen Raum zum Agieren geben. Das ist ein Ansatz, der Erwartungen weckt. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Rainer Woelki hat noch Luft nach oben.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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