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24. Juli 2012

Menschenhandel in Europa: Die Sklaverei des 21. Jahrhunderts

 Von Cecilia Malmström und Myria Vassiliadou
EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström vor einem Plakat gegen Kinder-Pornografie.  Foto: AFP

In Europa werden Menschen zur Ware. Sie werden zum Betteln oder zum Arbeiten gezwungen, werden ausgenutzt und missbraucht. Die EU-Kommission appelliert an die Mitgliedsstaaten, stärker zusammen zu arbeiten, um mehr Täter zu überführen. Ein Gastbeitrag.

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In den letzten Jahren sind die neuen Muster eines verabscheuungswürdigen Handels mit Menschen sichtbar geworden, der als Sklaverei des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Menschen, die als Kinder von Gangsterbanden europaweit ausgebeutet wurden, droht dabei verstärkt die Gefahr, im Erwachsenenalter erneut Opfer solcher Machenschaften zu werden. Die schutzbedürftigsten Mitglieder unserer Gesellschaft werden zunehmend zum Angriffsziel: behinderte Menschen, Frauen auf der Flucht vor häuslicher Gewalt und Kinder, die von ihren im Ausland arbeitenden Eltern verlassen wurden. Zwar sind die Mehrheit der Opfer Frauen, doch Menschenhändler diskriminieren nicht aus Prinzip. Auch Männer werden zu Schwerstarbeit und Kinder zum Betteln und Stehlen gezwungen, während Mädchen und Jungen sexuell ausgebeutet werden.

Zum Betteln und Schuften gezwungen

Cecilia Malmström
Cecilia Malmström

Dieser Menschenhandel findet zunehmend in und zwischen den EU-Staaten statt. Europa muss handeln und sich seiner Verantwortung stellen. Die Europäische Kommission legt daher eine Fünfjahresstrategie vor, die auf die endgültige Ausrottung des Menschenhandels zielt. Vielen ergeht es wie Cristina aus Rumänien, die im Alter von 13 Jahren zwangsverheiratet, dann nach Spanien und Belgien gebracht und zum Betteln gezwungen wurde, ehe es ihr gelang, ihren Peinigern zu entkommen. Oder wie Mark, einem arbeitslosen Engländer knapp über 20, dem eine Arbeit und freies Wohnen angeboten wurden, der letztlich aber unter sklavenähnlichen Bedingungen in Schweden arbeiten musste. Die Liste der Opfer ließe sich beliebig weiterführen: Es sind Hunderttausende in der EU und mehrere Millionen weltweit.

Weniger Fälle verfolgt

Myria Vassiliadou
Myria Vassiliadou

Es ist entmutigend, dass Menschenhandelsdelikte in Europa nur in wenigen Fällen gerichtlich verfolgt werden und dass die Zahl der verurteilten Menschenhändler in den vergangenen Jahren von 1500 Verurteilungen im Jahr 2008 auf 1100 im Jahr 2010 zurückgegangen ist. Hier stehen alle EU-Mitgliedstaaten, nicht zuletzt auch Deutschland, in der Verantwortung.

Die Bekämpfung des grenzübergreifenden Menschenhandels ist ein Thema, bei dem sich alle Beteiligten über die Vorteile der europäischen Zusammenarbeit einig sind. Trotz der Wirtschaftskrise und der großen Schwierigkeiten, mit denen die Europäische Union derzeit konfrontiert ist, teilen wir gemeinsame Werte wie die Verteidigung der Menschenrechte und das Eintreten für die schutzbedürftigsten Mitglieder unserer Gesellschaft.

Mehr Hilfe für Opfer, mehr Strafen für Täter

Aber wir müssen unsere Instrumente schärfen und aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre lernen. Die Strategie, die die Europäische Kommission nun vorlegt, zielt darauf, mehr Straftäter vor Gericht zu stellen, die Opferhilfe auszubauen sowie neue Muster und Trends zu verstehen. Die Strafverfolgungsbehörden der EU-Staaten sollten auf nationaler Ebene Einheiten zur Bekämpfung des Menschenhandels einsetzen, die als Anlaufstelle fungieren könnten, wenn beispielsweise Behörden in einem anderen Land bei einer laufenden Ermittlung Amtshilfe benötigen.

Die EU-Mitgliedstaaten und die Europäische Polizeibehörde Europol werden gemeinsame Ermittlungsgruppen einsetzen. Es ist wichtiger denn je zuvor, dass die Polizei beginnt, sich mit den Geldkanälen zu befassen, also Beweismaterial zu sammeln, indem sie die aus dem Menschenhandel stammenden Finanzbeträge untersucht. Wir müssen unser Augenmerk auch auf die Mittelsmänner dieser Branche richten, etwa korrupte Zeitarbeitsfirmen.

Menschenhandel im Netz

Im vergangenen Jahr wurden EU-Rechtsvorschriften verabschiedet, die gewährleisten, dass die Gerichte diesen Straftaten EU-weit die gleiche Schwere beimessen. Die Mitgliedstaaten sind jetzt verpflichtet, Opfern von Menschenhandel medizinische Versorgung und Unterstützung zukommen zu lassen. Im kommenden Jahr wird ein EU-weites Netz aus auf Opferhilfe spezialisierten Organisationen und Behörden eingerichtet. Ferner werden EU-Mittel zur Verfügung gestellt, um die neuen Methoden der Menschenhändler, die sich zur Anwerbung potenzieller Opfer zunehmend sozialer Medien und Online-Anzeigen bedienen, zu erforschen. Darüber hinaus ist es sehr wichtig, dass wir uns mit der Nachfrageseite des Menschenhandels beschäftigen. Solange es Käufer gibt, wird es auch Opfer geben.

Obwohl Kinder die schutzbedürftigsten Mitglieder der Gesellschaft sind, gibt es EU-weit keine gemeinsame Definition, in der festgelegt ist, wie das Wohl dieser Kinder zu wahren ist und welche Rolle der gesetzliche Vormund und die Elternvertreter dabei spielen sollten. Derartige Leitlinien werden zurzeit auf EU-Ebene ausgearbeitet.

Der Erfolg dieser Maßnahmen hängt letztlich vom politischen Willen der EU-Mitgliedstaaten ab sowie von den Finanzmitteln, die sie zur Bekämpfung des Menschenhandels bereitstellen. Der Menschenhandel muss ausgerottet werden. Dazu bedarf es der Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten.

Cecilia Malmström ist EU-Kommissarin für Inneres
Myria Vassiliadou ist EU-Koordinatorin für die Bekämpfung des Menschenhandels

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