Angela Merkel ist eine Pfarrerstochter und die Vorsitzende einer Partei, die sich christlich nennt. Man sollte also meinen, dass die zehn Gebote ihr als Richtschnur dienen. Zum Beispiel das fünfte: Du sollst nicht töten. Nun ist das ein Gebot, auf das sich jeder zivilisierte Mensch verständigen kann.
Wie aber passt das zur Aussage der Kanzlerin: „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.“ Sie freut sich über den gewaltsamen Tod eines Terroristen, aber immerhin doch auch eines Menschen. War sie gerade Kreide holen, als im Pfarrhaus das fünfte Gebot durchgenommen wurde?
Im Fall Merkel fällt der Widerspruch zwischen christlichem Anspruch und realem Tun besonders auf. Doch die Doppelmoral der westlichen Gesellschaft zeigt sich allenthalben. Wer vorgibt, für den Rechtsstaat zu fechten, sollte dessen Grundsätze nicht mit Füßen treten.
Das gilt für die archaisch anmutende Freude über den Tod Osamas ebenso wie für das Vorgehen der Nato in Libyen, wo ihre Soldaten dem Diktator Gaddafi unverhohlen nach dem Leben trachten und dabei auch den Tod von Kindern seiner Familie in Kauf nehmen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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