Es ist viel debattiert worden über den aufklärerischen Nutzen der Sendereihe „Tatort Internet“. Wäre nicht anfangs die strahlende Ehefrau des ebenso glanzvollen Verteidigungsministers zu Guttenberg mit von der Partie gewesen – sie hat ein Buch über sexuellen Missbrauch geschrieben, ist seit Jahren für das Thema engagiert und also nicht RTL2-Krawall-verdächtig –, möglicherweise wäre die mediale Aufmerksamkeit geringer ausgefallen.
Ohne Frage: Zuschauer der Sendungen (und Leser der Zeitungsdebatte) zu sensibilisieren für sexuellen Missbrauch, der durch Chats im Netz beginnt, auch die Frage nach den Instrumenten unseres Strafrechts für solche mehr als fragwürdigen Bekanntschaften zwischen Pädophilen und ihren jugendlichen Opfern zu stellen, das ist notwendig und mehr als legitim. Gut also, dass das Thema – der Fachbegriff „unserer“ Sprache dieser Tage dafür lautet absurderweise „Cyber Grooming“ – seinen Platz zwischen Stuttgart 21 und der Sarrazin-Empörung gefunden hat.
Sieht man sich allerdings einige Folgen von „Tatort Internet“ an, ist der Eindruck ein weit weniger positiver. Ich vermute, in der Machart der Sendungen liegt auch der Grund für den Rückzug der Ministergattin – wenn es sich bei ihrer Abwesenheit in den letzten Folgen denn um einen solchen gehandelt hat. Sie befand sich hier in der Tat in schlechter Gesellschaft.
Das Muster aller Folgen ist identisch. Es geht mit einem hölzernen Moderator los. Vermutlich hat er den Job bekommen, weil er mal Polizeichef und Innensenator von Hamburg war, wie mindestens drei Mal am Abend erwähnt wird. Jetzt freut er sich, dass er dank des Medienechos mit dem Innenminister reden darf.
Außer ihm tritt eine präpotente Psychologin auf, die unglaubliche Banalitäten mit wichtigtuerischer Miene zum Besten gibt: „Kinder sind Erwachsenen kognitiv unterlegen.“ Gezeigt wird sie vor gepflegter Designerwohnzimmerkulisse, wohingegen die interviewten Polizeibeamten vor Ölgemälden aus dem Kaufhof sitzen. Das Furchtbarste an dieser Sendung aber ist die Rolle, die sie für uns, die Zuschauer parat hat. Es ist die des Voyeurs.
Vorgeführt werden Chatprotokolle, deren wirklich scheußlich pornografische Plattheit eine aufdringlich markante Synchronsprecherstimme gerade durch die Auslassungen betont („wenn du meinen …befriedigst und meinen … schluckst“). Wir bekommen jedes Mal nach demselben öden Muster präsentiert, wie diese allesamt primitiven und unreflektierten Typen mit einer nassforschen Journalistin konfrontiert werden, die ihre überlegene Lässigkeit mit Kommentaren wie „ja Scheiße“ demonstriert. Ihr Triumph ist stets, wenn die Möchtegern-Kinderficker (pardon) ihre mitgebrachten Kondome der Kamera präsentieren müssen.
Außerdem sehen wir, wie ein im Chat missbrauchtes Mädchen wie ein begossener Pudel neben ihrer Mutter ausgestellt wird. „Ich red’ nicht gern darüber“, sagt sie hilflos. Dazu der Synchronsprecher: „Das schmerzt die Mutter sehr.“ Als man eine Gruppe unterschwellig sensationslüsterner Lehrer live am Missbrauchsexperiment teilnehmen lässt, muss ich dann doch endgültig abschalten. Die genüssliche Empörung, die hier frei Haus geliefert wird, überlagert für mich jede ernsthafte Debatte über das Thema. Lauter falsche Töne.
Oliver Reese ist Intendant des Schauspiels Frankfurt.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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