Same procedure as every year. Nein, es ist noch nicht Sylvester, aber das alljährliche Ritual der Klima-Diplomaten startet wieder. Der nächste Gipfel auf dem Weg zur Weltrettung, diesmal im mexikanischen Cancùn. Wie gut, dass es so etwas gibt.
Doch die Zeit wird knapp und knapper, und wie bei Miss Sophies Dinner schwindet die Hoffnung, dass neben den immergleichen Abläufen am (Konferenz-)Tisch noch etwas Einschneidendes passiert. Yvo de Boer, der langjährige Organisator der UN-Gipfel, hat das Desaster beim letztjährigen Treffen in Kopenhagen jetzt als „gelbe Karte“ für den Verhandlungsprozess bezeichnet. Und nach Gelb kommt Rot. De Boer stieg aus. Er mochte es sich nicht mehr antun, den Gipfel-Butler zu geben, der nur die Fassade aufrecht erhält. Seine Warnung: „Ich habe Angst, dass wir ergebnislos weiterverhandeln, bis uns niemand mehr ernst nimmt.“
Cancùn gilt in der Tat als die letzte Chance, den Kyoto-Prozess zu retten – und damit die Vereinten Nationen als Katalysator des nötigen globalen Umbaus von Industrie und Infrastruktur. Die letzte Megakonferenz in Kopenhagen mit mehr als 10000 Teilnehmern hatte das Format dieser UN-Gipfel bis zum Limit ausgereizt. Alle wichtigen Staats- und Regierungschefs waren gekommen, um die weltweite Trendwende beim Ausstoß der Treibhausgase zu beschließen. Es sollte quasi der Schalter zu einer nachhaltigen Entwicklung umgelegt werden.
Niemand konnte sich damals vorstellen, dass die Mächtigen dieser Erde einfach unverrichteter Dinge von einer so wichtigen Umweltkonferenz wieder heimfahren würden. Aber das taten sie, nachdem sie sich beim Tête-à-Tête teils heftig gegenseitig, und zwar auch auf persönlicher Ebene, attackiert hatten. Die Quittung: Seither ist der Kyoto-Prozess wie gelähmt. Die Diskrepanz zwischen den weiter praktisch ungebremst wachsenden Gefahren und dem dilomatischen Stillstand könnte größer nicht sein.
Verstehen kann man das nur, wenn man erkennt, dass die „Umwelt“-Konferenzen der Kyoto-Schiene in Wahrheit Wirtschaftskonferenzen sind. Es geht längst nicht mehr „nur“ um schmelzende Gletscher, mehr Hitzewellen und Umweltflüchtlinge. Beschlüsse zur Klimapolitik greifen in fast alle politischen Bereiche hinein. Bei den Kyoto-Gipfeln werde „das Weltvermögen neu verteilt“, sagte der Potsdamer Klimaforscher Ottmar Edenhofer. Die Schwellen- und Entwicklungsländer kämpfen um einen gerechten Anteil am Wohlstand und die Industriestaaten gegen den – echten oder relativen – Abstieg. Diese Frontstellung hat sich inzwischen zur Blockade verfestigt. Kopenhagen war der unübersehbare Ausdruck davon.
Den UN-Pfad aufzugeben, kann die Welt sich nicht leisten. Man sollte sich die bisherigen Erfolge in Erinnerung rufen. Im Kyoto-Protokoll einigten sich die Industrieländer 1997 untereinander auf die Trendwende: eine CO2 -Reduktion um fünf Prozent. Obwohl die USA später wieder ausstiegen, setzte der völkerrechtlich verbindliche Vertrag viel in Bewegung. Er beförderte unter anderem den Boom der erneuerbaren Energien, er ließ viele Länder konkrete Klimaschutzprogramme auflegen und brachte die EU dazu, den „Emissionshandel“ zu entwickeln und einzuführen. Dies ist ein wegweisendes Modell, um die CO2-Ziele zumindest im wichtigen Kraftwerks- und Industriesektor effizient und preiswert umzusetzen – ein Blaupause, wie das Problem auch global gelöst werden könnte.
Das alles steht auf der Kippe, wenn das Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft, nicht verlängert wird. Es entstünde ein klimapolitisches Vakuum. Es bliebe ohne gemeinsame, wenn auch differenzierte Ziele beim Unterbietungswettbewerb. Jeder Staat würde seine Klimaschutzbemühungen minimieren. Schließlich gibt es immer noch ein Land, das beim CO2-Sparen weniger tut und damit – wenn auch nur kurzfristig – billiger fährt.
Gibt es Hoffnung, dass der Kopenhagen-Schock solche Einsichten befördert hat? Ein bisschen, ja. Immerhin hat China als inzwischen global größter CO2-Produzent den Klima-und Ressourcenschutz zum Staatsziel erklärt. Und die USA werden in Cancùn nach der Schlappe der Obama-Partei bei den Kongresswahlen zwar keine treibende Rolle spielen, aber auch nicht mehr den Total-Blockierer wie in der Bush-Ära. So sollte es möglich sein, dass der Mexiko-Gipfel wenigstens Fortschritte in Teilbereichen wie Klimaschutz-Finanzierung, Waldschutz und Technologie-Hilfe bringt. Geschieht das nicht, kann man sich 2011 die Anreise zur nächsten Klimakonferenz in Südafrika sparen. Kyoto wäre tot.
Die Chance, die Erde vor der Super-Heißzeit zu bewahren, wäre dann mimimal. Das Zeitfenster, in dem noch gehandelt werden kann, schließt sich rapide. Dieses Jahr hat Naturkatastrophen ungewohnten Ausmaßes erlebt, eine Megaflut in Pakistan, wochenlang außer Kontrolle geratene Brände in Russland. Sie wären dann nur ein milder Vorgeschmack gewesen von dem, was droht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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