Es wäre übertrieben zu behaupten, dass der Anti-Islam-Film „Die Unschuld der Muslime“ eine breite, grundsätzliche Islamdebatte in den arabischen Medien ausgelöst hätte. Doch hier und da melden sich kritische Stimmen zu Wort, die nicht nur das beleidigende Video und die gewalttätigen Reaktionen der Demonstranten kritisieren, sondern grundsätzliche Fragen aufwerfen. Es wird sogar Selbstkritik geäußert; sonst eher Mangelware in der islamischen Welt: „Diese Woche wollte ich eigentlich über ein anderes Thema schreiben, doch dann bin ich auf dieses Video gestoßen“, so eine ägyptische Ärztin, die unter dem Pseudonym Nervana einen vielgelesenen Blog schreibt. Sie verweist auf eine Sendung des salafistischen Al Nas-TV, in der ein gewisser Scheich Mustafa El Adawy gefragt wird:„Was sagt das islamische Recht zu Eheschließungen junger Mädchen, wenn diese noch nicht die Pubertät erreicht haben? Wenn dies islamisch erlaubt ist, muss sich das Mädchen dann nach dem Sex rituell reinigen, obwohl sie ja noch kein Scheidensekret produziert hat? Die Antwort von Scheich Mustafa war wie folgt: ‚Ja, man darf ein Mädchen verheiraten, bevor sie die Pubertät erreicht hat, wenn sie in der Lage ist, mit der sexuellen Beziehung fertig zu werden. Sie muss sich rituell reinigen, denn dies ist eine unabänderliche Vorschrift!‘ Was mich dazu bringt, heute auf dies Video zu verweisen, ist meine schwere Entrüstung: Wieso ruft ein solches Video nicht einen Aufschrei der Empörung in der arabischen Welt hervor? Ich wünschte, die Muslime würden aufhören, sich nur darüber aufzuregen, wie der Westen sie porträtiert. Wir können es uns nicht erlauben, diese falschen Gelehrten gewährenzulassen. Sie sind heute stärker als je zuvor, denn sie haben TV-Sender.“
Husam Itani sieht das Erstarken der Salafisten als Symptom einer tiefergehenden religiösen Krise in der islamischen Welt. In der überregionalen Al Hayat schreibt er: „Die Salafisten profitieren davon, dass die Modernisierung unserer Gesellschaften gescheitert ist. Es hat keinen Sinn, zu diskutieren, ob die Aussagen der Scheichs aus juristischer Perspektive richtig oder falsch sind. Die Aussagen sind ja oft widersprüchlich. Das Problem ist die große Distanz zum Volk, welche die Scheichs von einer gesunden Debatte schützen.“
Kritik gibt es auch an der weit verbreiteten Forderung, dass Beleidigungen der Religionen gesetzlich verboten werden sollten. Der anonyme Blogger AA schreibt: „Ich frage mich, wie islamisch es wäre, die Produktion solcher Filme zu verbieten. Ich denke fast, man sollte sogar die Gesetze ändern und billigen Müll wie ‚Die Unschuld der Muslime‘ zulassen. Würden die Muslime ihren Glauben verlassen, weil Müllfilme gezeigt werden? Hätten nicht die Ägypter jedes Recht, Sender und Filmemacher zu boykottieren? Unser Islam wird durch Freiheit stärker nicht schwächer. Bitte lasst die Beleidigung religiöser Gefühle zu. Zum Besten des Islam!“ Julia Gerlach
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