Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

04. Mai 2014

Montagsdemos: Friedensfreunde und Ressentiments

 Von 

Die Montagsdemonstranten, die momentan in deutschen Innenstädten für den Frieden demonstrieren, ergehen sich allzu oft in Verschwörungstheorien und finden schnell die Schuldigen. Ein Kommentar.

Drucken per Mail

Auf den ersten Blick ist es eine extrem unwahrscheinliche Koalition, die momentan in deutschen Innenstädten für den Frieden demonstriert: Da stehen junge Hippies neben alternden Gewerkschaftern, überzeugte Veganer neben überzeugten Unpolitischen, Anhänger abwegiger Verschwörungstheorien neben vereinzelten Neonazis. Dass sich diese Menschen trotz ihrer Widersprüche als gemeinsame Bewegung erfahren und sich voller Inbrunst ihre Einigkeit versichern, hat verschiedene, miteinander verschlungene Ursachen.

Zunächst einmal bezieht diese diffuse Protestbewegung, in der von hoffnungslos naiven bis zu offen reaktionären Parolen alles zu hören ist, ihre Kraft aus einer realen Bedrohung. Niemand, der die derzeitige Eskalation zwischen der Nato und Russland in der Ukraine beobachtet, wird den Eindruck los, dass sich die Weltgesellschaft 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges in einer äußerst heiklen Lage befindet. Auch die Krise der EU, der wachsende Zuspruch für rechtspopulistische Parteien und die zunehmenden sozialen Fliehkräfte in der Weltwirtschaftskrise machen spürbar, dass die europäischen Demokratien gefährdet sind. Die Proteste sind ein Ausdruck der Angst, die diese neue Unberechenbarkeit auslöst.

Antielitärer Gestus und reale Missstände

Der antielitäre Gestus der Bewegung, der allem misstraut, was nach etabliertem Journalismus und Parteipolitik riecht, speist sich ebenfalls aus realen Missständen: Es ist in der Tat erschreckend, mit welcher Wucht sich die politische Klasse derzeit rhetorisch auf Russland einschießt – bis hin zu Finanzminister Wolfgang Schäuble, der sich nicht zu schade war, die russische Annexion der Krim mit der Politik Adolf Hitlers zu vergleichen. Auch die Frage, ob die Politik der EU vor dem und während des Umsturzes in Kiew klug war – immerhin hat der Westen die in Teilen faschistische Swoboda-Partei unterstützt, die jetzt Teil der Übergangsregierung ist –, ist berechtigt. Und es trifft auch zu, dass deutsche Medien allzu oft im Einklang mit der Politik den Eindruck erwecken, als stünde ein Friedensblock aus EU und Nato einem autoritären Schreckensreich gegenüber, dessen irrationaler Anführer mental noch im 19. Jahrhundert verhaftet sei.

Während es für eine Protestbewegung aber wichtig wäre, sich der vollen Komplexität der Lage zu stellen, erliegen die Teilnehmer der neuen „Montagsdemos“ der populären Versuchung, die multiplen Krisen der Gegenwart als Folge des Handelns weniger, bösartiger Mächtiger zu begreifen. Viele Redner auf den Kundgebungen vermitteln den Eindruck, es sei leicht, Schuldige für Krieg und Krise auszumachen: korrupte Politiker, „die Medien“, gierige Banker und ihre Zinsen, vor allem aber die Nato und die USA.

Diese simple Weltsicht schleicht sich oft dort mit ein, wo vermeintlich unpolitische Bürger für den Frieden und eine gerechtere Welt demonstrieren. Wie schnell eine naive, pseudo-rebellische und unterschwellig ressentimentgeladene Weltsicht in Verschwörungsdenken und Antisemitismus kippen kann, zeigt sich bei den aktuellen Mahnwachen, bei denen selbst die krudesten Ansichten über die Macht der Federal Reserve Bank, den angeblich mit sogenannten Chemtrails vergifteten Himmel oder sogar „die Rothschilds“ und ihren „zionistischen“ Einfluss auf die Presse Zustimmung finden. Wer so redet, darf sich nicht wundern, wenn Neonazis und Reaktionäre aller Couleur zuhören wollen.

Rechthaberisch und ohne Differenzierung

Neben dem Unwillen zur differenzierten Analyse sind die Mahnwachen auch ein Internet-Phänomen: Über Facebook, Twitter und Blogs lassen sich auch ohne klassische politische Strukturen schnell einige hundert Menschen auf die Straße holen – und den Mobilisierten das Gefühl einer großen, bedeutenden Bewegung vermitteln. Was diese „Friedensdemos“ als Selbstbild vor sich hertragen – die letzten Friedensfreunde in einer Zeit des gezielten Universalbetrugs zu sein – hat ironischerweise reale Anteile: Die Filme und Texte, die die Aktivisten als vermeintlich aufklärerisch auf Facebook posten, liegen tatsächlich weit jenseits der veröffentlichten Meinung. Auch wenn es dafür meist bessere Gründe gibt als für die Vehemenz, mit der die Protestler alle Zeitungen und Radiostationen zu Lügnern erklären.

Die politische Rhetorik, der sich viele der neuen Friedensfreunde bedienen, ist übrigens mitnichten neu: Rechthaberisch und ohne Differenzierung vorgetragene Überzeugungen – die herrschende Politik habe abgewirtschaftet, der Unterschied zwischen „rechts“ und „links“ sei nicht mehr zeitgemäß, das Hauptproblem auf der Welt sei der Zins und Referenden seien die wahre Form demokratischer Legitimation – gab es auch schon bei anderen Protestbewegungen, von Teilen der Occupy-Bewegung bis hin einigen Strömungen der Piratenpartei. Und wie bei den Piraten durch das Selbstbild als „post-ideologisch“ viele sinnvolle Überzeugungen pauschal unter Ideologie-Verdacht gestellt werden, hat die Leugnung einer eigenen politischen Ausrichtung bei den Montagsdemos bisher vor allem einen Effekt: Die Bewegung ist nicht willens oder in der Lage, sich von Neonazis abzugrenzen.

Wohin die neuen Montagsdemos sich entwickeln werden, ist noch offen. Wenn sie einen kritischen Beitrag zum politischen Diskurs leisten wollen, werden ihre Anhänger nicht umhin kommen, sich für mehr Analyse und gegen den Verschwörungs-Wahn ihrer Wortführer zu entscheiden. Sonst laufen sie Gefahr, lediglich reaktionärer Hetze das Wort zu reden. Beobachter und Sympathisanten der Bewegung tun gut daran, dem naiven Jargon des Friedens zu misstrauen. Wobei man die Gefahr der unterschwelligen Ressentiments auch nicht überschätzen sollte: Über das Internet mobilisierte Bewegungen waren bisher meist ausgesprochen kurzlebig.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Politische Rechte

Abgrenzung statt Aufbruch

Von  |
Solidarität nur innerhalb des Volkskörpers: Die AfD ist eine rückwärtsgewandte Partei.

Die in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind auch ein Ausdruck alternder Gesellschaften. Die Bewegung eint ein pervertiertes Verständnis von Solidarität. Der Leitartikel.  Mehr...

Türkei

In den Fängen des Autokraten

Der von Erdogan gesteuerte Parlamentsbeschluss ist nicht der erste Willkürakt der vergangenen Monate.

Das türkische Parlament hat sich den Plänen von Präsident Erdogan mit Mehrheit gefügt. Und Europa? Raubt seinem Protest durch den schmutzigen Flüchtlingsdeal die Glaubwürdigkeit.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung