Amerika hat sich am Montag eine Minute der Einkehr und Besinnung gegönnt. Punkt elf Uhr Ostküstenzeit gedachte die nach den Schüssen von Tucson aufgewühlte US-Nation der Opfer einer Bluttat, die das Land, vor allem aber die politische Klasse in fundamentaler Weise geschockt hat. Dabei wird es nicht bleiben.
Noch ist es zu früh, Abschließendes zu sagen über die Hintergründe und Motive des Täters. Nach allem, was man weiß, war der junge Mann, der am Samstag in Arizona auf die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords schoss, ein verwirrter, womöglich kranker Zeitgenosse. Was ihn zur Waffe greifen ließ und zum Attentäter machte, kann bislang nur spekuliert werden.
Das letzte Attentat dieser Art in den USA, die Schüsse im März 1981 auf Ronald Reagan, waren der wahnhaften Obsession des Stalkers John Hinckley mit der Schauspielerin Jodie Foster geschuldet. Eine politische Botschaft gab es nicht. Zuvor hatte Hinckley versucht, auch den Demokraten Jimmy Carter zu erschießen.
Was immer aber zur Tragödie von Arizona geführt hat, das Attentat auf Giffords wird die amerikanische Politik verändern. Das gilt, auch wenn – was keineswegs ausgeschlossen ist – es einen direkten Zusammenhang mit der aufgeheizten politischen Stimmung im Land nicht geben mag. Und es gilt selbst dann, wenn Amerikas Republikaner weiter empört – und ebenso voreilig – jeden Hinweis auf das zuletzt immer lautere Kriegsgeheul aus dem konservativen Lager zurückweisen. 2010 war das Jahr der Wut in der amerikanischen Politik. Künftig werden es diejenigen schwerer haben, die mit scharfen Parolen gern verbal aus der Hüfte feuern.
Gewiss, auf ein Wort der Reue einer Sarah Palin etwa braucht niemand zu warten. Mehr als ein Gebet für die Opfer von Tucson und den lieben Frieden fiel der ehemaligen Alaska-Gouverneurin nicht ein, die den Wahlkreis von Giffords einst auf ihrer Webseite ins Fadenkreuz nahm. „Nachladen“ war ja nur rhetorisch gemeint. Klar. Politik bedient sich halt gern kriegerischer Metaphern. Schon die bunte „Tea Party“-Bewegung aber ist nicht nur ein konservatives Sammelbecken unzufriedener Bürger. Ihre Anhängerschaft reicht weit an den rechten Rand der Gesellschaft, wo sich echte Rassisten und militante Wirrköpfe tummeln. Dass die Zahl der Drohungen gegen Politiker zugenommen hat, seit es in Mode kam, den Staat zum Feind und den Präsidenten zum Tyrannen zu erklären, lässt sich statistisch belegen. Und spätestens seit dem Bombenanschlag 1995 in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen starben, kennt man das Gewaltpotenzial dieser Kreise.
Bislang hat sich weder die „Tea Party“-Bewegung noch die Republikanische Partei, die sich die Energie der Tee-Rebellion bei der Kongresswahl im November zunutze machte, mit diesen dunklen Schatten ernsthaft auseinandersetzen müssen. Im Gegenteil, weil Frust und Verunsicherung bis weit in die Mitte der US-Gesellschaft reichen, zahlte sich das Geschäft mit der Wut politisch doppelt aus.
Das ist nach dem Attentat auf Gabrielle Giffords anders. In der politischen Mitte wird es nach dem Entsetzen über die Bluttat kaum noch Applaus geben für aggressive Stimmungsmache und Flintenrhetorik. Zumindest vorläufig ist der Nation jede Lust auf Pulverdampf vergangen. Lange schon gab es Anzeichen, dass die „Tea Party“ ihren Höhepunkt überschritten hat. Nun könnte ihr Niedergang oder Spaltung drohen. Zumindest wird es schwerer, auf der Welle der Wut zu surfen. Auch wenn es immer riskant ist, in der US-Politik etwas auszuschließen: Eine Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin ist seit Samstag noch unwahrscheinlicher geworden.
Das bedeutet freilich beileibe nicht das Ende jeder politischen Konfrontation. Republikaner und Demokraten werden in Washington weiter unterschiedliche Vorstellungen haben über die Rolle des Staates in der Gesellschaft, über die soziale Justierung Amerikas, darüber, wie sich die desolate Haushaltslage reparieren lässt. Die politischen Gräben in Washington sind real, die inhaltliche Polarisierung auch.
Die Parteien werden diese Konflikte weiter mit aller Schärfe austragen, schon, weil der nächste Wahlkampf nicht lange auf sich warten lässt. Man darf aber gespannt sein auf die kommenden Debatten. Zumindest ein neuer Ton dürfte einziehen ins Kapitol zu Washington, wenn es dort nach den Tagen der Trauer wieder um politische Inhalte geht. 2011 steht die US-Politik im düsteren Schatten von Tucson.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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