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20. Juli 2014

Nahost-Konflikt: Die tiefere Dimension des Judenhasses

 Von 
Anti-israelische Proteste im Pariser Vorort Sarcelles.  Foto: AFP

Den Antisemiten mit ihren Hassparolen geht es nicht um Gaza. Im Grunde geht es gegen die westliche Demokratie: Die libertäre Entwicklung in einer globalisierten Welt, durch die für immer mehr Gruppen Menschenrechte möglich werden, steht zur Debatte. Eine Kolumne.

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Am Wochenende kam es am Rande von Demonstrationen zum Gaza-Konflikt zu antisemitischen Ausschreitungen. Was vor zehn Jahren noch wie ein Zufall erschien, wird nun offen zelebriert: die Querfront von Linken, Rechten, Muslimen und vermeintlichen Antirassisten unter dem Banner der Hamas gegen Israel und die Juden. Gleichermaßen hysterisch wie diszipliniert, als ob es einen Ein- und Ausschaltknopf gebe, wallte der Hass gegen Juden auf, nur halbherzig verborgen hinter dem Wort Israel. Wer in Deutschland: „Schlachtet die Juden!“ oder „Jude, Jude, feiges Schwein“ oder „Brenn, Jude!“ lauthals durch die Straßen brüllt, der meint, was er sagt. Ich weiß es, genauso wie ein Schwarzer weiß, wann ihm Rassismus im Auge seines Gegenübers begegnet. Oder ein Moslem, wenn über seine angeblich genetisch bedingten Mängel diskutiert wird.

Wer sind die Antisemiten, Israelhasser und Hamas-Verteidiger dieser Tage? Meinem Eindruck zufolge geht es nicht um Gaza. Vermutlich ging es noch nie darum. Der Hass auf den Straßen hat eine tiefere Dimension. Antisemitismus, so heißt es bei den meisten vernünftigen Menschen, habe mit den Juden gar nichts zu tun. Er sei reine Projektion, ein Wahn, eine Theorie, um jemandem die Schuld geben zu können für alles, was es an Übel in der Welt gibt. Das ist richtig, und doch ist mit dem Antisemitismus heute etwas Jüdisches gemeint, das viele überfordert. Mit dem Judentum kamen die zehn Gebote, das Gesetz, das den Glauben an Naturgewalten und kollektive Bestrafung ablöste. Es entstand das Gewissen des Einzelnen, die Eigenverantwortung, das Individuum und damit die Voraussetzung für Demokratie und den Kampf um eigene Rechte.

Die Hamas will keine moderne Gesellschaft

Genau das ist es, was die Hamas ablehnt, denn das machen islamistische Fundamentalisten so. Sie wollen keine moderne Gesellschaft. Und die anderen? Den Rechten gefällt das autoritäre Menschenbild der Hamas, für sie sind es stolze Nationalisten, die wissen wo Frauen, Kinder, Schwule und Juden hingehören. Was treibt Linke in diese antiemanzipatorischen Arme? Ihre Version von Anti-Imperialismus mit seinen Ungerechtigkeiten. So sehen das auch viele Antirassisten. Der Gaul Antikapitalismus auf seinen antisemitischen Beinen muss sie nun alle tragen: religiöse Fundamentalisten, Linke, Nazis, Neurechte und so manche Aktivisten gegen Rassismus. Doch wohin?

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Ich verstehe nicht, wie man sich unter dem Mantel der terroristischen Hamas verstecken kann, um zu protestieren! Ganz gleich wogegen. Es sei denn, man verachtet die westlichen Demokratien. Worum geht es also bei den Demos Hamas vs. Israel? Worum geht es beim Antisemitismus? Ich denke, dass hier die libertäre Entwicklung in einer globalisierten Welt zur Debatte steht, durch die für immer mehr Gruppen weltweit Menschenrechte möglich werden. Das ist ein emanzipatorischer Prozess, der die Demokratie braucht. Deswegen muss sie selbstkritisch sein, aber auch geschützt und verteidigt werden. Unrecht in der Demokratie, das kenne ich zur Genüge aus der täglichen Arbeit gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Deshalb, und um im Bild zu bleiben: Ich möchte lieber gegen Unrecht in Israel kämpfen dürfen, als in einer Hamas-Gesellschaft zu leben, in der ich keine Rechte habe!

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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