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23. März 2014

Nebeneinkünfte im Bundestag: Gauweilers Taschengeld

 Von 
Peter Gauweiler (CSU) führt die Liste der Topverdiener an.  Foto: dpa

Preis und Wert der Arbeit haben nichts mehr miteinander zu tun. Das zeigt sich an den Nebeneinkünften der Abgeordneten im Bundestag. Würde es helfen, wenn wir alle Anwälte werden? Eine Kolumne von Tom Schimmeck.

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Nein, ich bin nicht neidisch auf den Abgeordneten Dr. jur. Peter Gauweiler. Ich mag nicht so grinsen und so denken wie er. Auch die Kirch-Erben will ich nicht am Hals haben. Tracht steht mir eh nicht.

Und doch frage ich mich, wie so ein CSU-Rechtsanarcho „mindestens 509.000 Euro“ an Nebenverdiensten anhäufen kann. Wobei das Wörtchen „mindestens“ der Tatsache geschuldet ist, dass zwar endlich bessere Transparenzregeln für MdBs gelten, diese aber leider auch nur halbdurchsichtig sind. Die höchste Cash-Stufe 10 ist nach oben himmelweit offen. Es dürfen auch Millionen sein. Und keiner erfährt’s.

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"Bescheidene" 7,5 Millionen Euro

Nun wissen wir, warum der Gauweiler-Peter stets so lustig wirkt. Seine Diäten sind sein Taschengeld. Für Süßigkeiten. Sein sagenhaftes Zubrot wird das „alte Zirkuspferd“ (Selbstauskunft) mit einem kecken Sprüchlein abtun. Und alle werden lachen und raunen: Ja mei, der Peter, des is a Guader! Fast wie der Uli!

Rechnen wir besser schnell nach: Der gemeine Bundestagsabgeordnete erhält zur Zeit 99.024 Euro im Jahr (ab 2015: 108.984 Euro). Mit seinem Nebengeschäft kommt der MdB Gauweiler auf ein Jahreseinkommen von mindestens 608.024 Euro. Nicht übel, gell?

Papperlapapp, werden die Top-Leistungsträger jetzt rufen, das sind Peanuts, nicht mal ein Zehntel dessen, was Anshu Jain und Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank „verdienen“: je rund 7,5 Millionen Euro im Jahr. Ein Betrag, der ob seiner vermeintlichen Bescheidenheit von geneigten Wirtschaftsjournalisten bereits als „Kulturwandel“ gepriesen wird.

Andererseits entspricht Gauweilers Mindest-Einkommen etwa dem, was eine Altenpflegerin mit 1150 Euro brutto im Leben erhält. Umgerechnet auf den kommenden Mindest-Lohn von 8,50 Euro (von C-Politikern und ihren Kugelschreibern gern als „Wohltat“ verhöhnt) wäre Gauweilers Salär 71.532 Stunden und 14 Minuten Arbeit wert. Was gut 1788 40-Stunden-Wochen entspräche, also etwa 34 Jahren Arbeit – ohne Urlaub und Feiertage.

Jeder Bürger ein Aufsichtsratsmandat

Absurd. Und noch ein Indiz dafür, dass der Preis und der Wert von Arbeit endgültig nichts mehr miteinander zu tun haben. Dass kaum einer bekommt, was er „verdient“.

Selbst Ökonomen erkennen, dass der gesellschaftliche Nutzen von Arbeit in einem völlig verdrehten Verhältnis zur Entlohnung steht. Forscher der New Economics Foundations in London rechneten schon 2009 vor, dass Putzfrauen, Erzieherinnen und Müllmänner gesellschaftlich weit mehr leisten als Banker, Steuerberater und Werbeleute. Ein Banker, zeigten sie, vernichtet mit jedem flott kassierten britischen Pfund sieben Pfund an sozialen Werten. Während die Reinigungskraft im Krankenhaus mit jedem höchst mühsam erwischten Pfund zehn weitere an gesellschaftlichem Reichtum schafft.

Was tun? Ein Viertel der Bundestagsabgeordneten sind bereits Juristen. Vielleicht würde es helfen, wenn wir alle Anwälte werden und uns fürderhin gegenseitig in Grund und Boden prozessieren. Für einen Tagessatz von, na, seien wir mal moderat, mindestens 200 Euro pro Stunde? Ganz Deutschland eine Sozietät. Dazu erhält jeder Bürger mindestens ein Aufsichtsratsmandat und einen Posten bei der Fifa, hilfsweise bei einem der derzeit 2161 in Berlin registrierten Verbände. Welch wonniger Wohlstand! Nur: Wer fegt dann den Flur?

Tom Schimmeck ist Autor.

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