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11. September 2014

Obama gegen IS: Obamas Wunschdenken

 Von 
Barack Obama ist Friedensnobelpreisträger. Jetzt zieht er in einen Krieg.  Foto: Reuters

Selbst wenn der US-Präsident eine internationale Koalition der Willigen gegen die IS-Terroristen zustande bringen sollte: Der Einsatz des Militärs wird die Islamisten nicht vernichten.

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Ausgerechnet er. Barack Obama, der die Kriege der USA beenden wollte, schickt sein Land in einen neuen Krieg. Vergleiche zu seinem Amtsvorgänger George W. Bush drängen sich auf, und sie hinken ausnahmsweise nicht einmal. So wie Obama von Bush nicht beendete Kriege geerbt hat, wird er in etwas mehr als zwei Jahren einen nicht beendeten Krieg an seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin übergeben. Der größte Wunsch des ersten schwarzen US-Präsidenten wird sich nicht erfüllen. Obama wird nicht als der Versöhner, der er sein wollte, in die Geschichte eingehen, sondern als ein Feldherr. Geschichte kann ironisch sein.

Bushs Einmarsch in den Irak, der auf ein beispielloses Lügenkonstrukt gründete, war ein dummer Krieg, wie Obama richtig sagt. Doch ob seine eigene Strategie gegen die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staates sich als klug erweisen wird, ist längst nicht ausgemacht. Die Gefahr ist groß, dass es in der nahöstlichen Katastrophenregion nur noch schlimmer kommen wird.

Obamas Ziel ist richtig. Niemand wird ernsthaft anzweifeln können, dass die IS-Terroristen eine widerwärtige Bande von gewissenlosen Schlächtern bilden, die Allmachtsfantasien auslebt, Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt und überdies eine große Weltreligion schändet. Wer so auftritt, kann nicht auf Gnade hoffen. Ob allerdings der Weg richtig ist, den Obama nun vorgeschlagen hat, um der Lage Herr zu werden, das können wir vorerst nicht wissen. Doch der Blick auf den Anti-Terror-Kampf, wie ihn die USA seit den Anschlägen vom 11. September 2001 führen, lässt nichts Gutes erahnen. Es waren in diesen 13 Jahren zwar Erfolge zu vermelden. Sie waren jedoch vor allem symbolischer Art. Osama bin Laden wurde zwar getötet, doch sein Terrornetzwerk Al-Kaida lebt weiter. Die Taliban in Afghanistan wurden zunächst vertrieben, doch heute sind sie wieder obenauf. Muammar al-Gaddafi wurde erschossen, doch das Chaos in Libyen begann danach erst so richtig. Heute muss die sogenannte Übergangsregierung des Landes schon auf Fährschiffe ausweichen, um überhaupt tagen zu können. Die Ägypter stürzten erst ihren Herrscher, um einige Jahre später wieder einem ähnlichen Despoten aufzusitzen.

Der US-Einmarsch in den Irak war ein Fehler

So verhält es sich auch mit dem Irak-Krieg, betrieben von Obamas Vorgänger Bush und seinem engstem Beraterkreis, der bis heute überzeugt davon ist, das Richtige getan zu haben. Falsch. Man kann es nicht oft genug wiederholen. Der US-Einmarsch hat das Land destabilisiert und ermöglicht, dass sich eine Bande wie der IS in ihm festsetzen konnte. Und schließlich Syrien, wo ein Bürgerkrieg nicht nur bereits 200 000 Menschen das Leben gekostet, sondern die Terrormiliz erst hervorgebracht hat.

Das alles hat nicht Obama angerichtet. Aber er war zu passiv und hat das Problem zu lange als nachrangig betrachtet. Warum er noch Anfang des Jahres die IS-Miliz mit    einer zweitklassigen Basketballmannschaft verglichen hat, kann sich niemand erklären. Dass er die gemäßigte Anti-Assad-Opposition in Syrien nicht stärker unterstützt hat, als es noch eine gemäßigte Opposition gab, war ein Fehler und lässt sich nur mit der Zögerlichkeit erklären, mit der Obama Außenpolitik betreibt. Doch damit soll es nun vorbei sein. Jetzt muss alles gehen. Nach der Enthauptung zweier US-Journalisten durch IS-Terroristen hat Obama jetzt sogar Luftangriffe auf Stellungen in Syrien im Sinn. Plötzlich soll es auch kein Problem mehr sein, dass dadurch das Assad-Regime indirekt unterstützt würde. Der US-Präsident hat schließlich öffentlich erklärt, dass das nicht sein Ziel sei.

IS ist viel gefährlicher als Al-Kaida

Das aber ist heuchlerisch und wenig durchdacht. Obamas Strategie ist geradezu von Wunschdenken durchwirkt. Das belegt vor allem seine Idee, im Irak und in Syrien ähnlich vorgehen zu wollen wie im Jemen und in Somalia. Dort lassen die Amerikaner Drohnen gegen regionale Al-Kaida-Ableger fliegen, und die Soldaten dieser Staaten müssen auf dem Boden gegen die Terroristen kämpfen. Das sei ein Erfolg, sagt Obama. Er ist womöglich der einzige Mensch auf der Welt, der das so sieht. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Al-Kaida von der Arabischen Halbinsel und aus Ostafrika verschwunden ist. Außerdem ist die Gefahr, die von IS ausgeht, viel größer.

Selbst wenn eine internationale Koalition der Willigen unter Führung der USA zustande kommen sollte, selbst wenn Staaten wie Saudi-Arabien und die Türkei mitmachen, lässt sich eines doch bereits sagen: Der Einsatz des Militärs wird die Terrorgruppe schwächen, vernichten wird er sie nicht. Auch die Grundlage für den Terrorismus wird damit nicht beseitigt. Sollte, was hoffentlich nicht geschehen wird, demnächst eine US-Bombe syrische Zivilisten töten, wird IS lauthals schreien, die amerikanischen Ungläubigen führten einen Vernichtungsfeldzug gegen die Sunniten. Das dürfte den Zustrom von Dschihadis aus Europa und Amerika noch erhöhen.

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