Der Tücke des Objekts ist Friedrich Theodor Vischer zuerst auf die Spur gekommen. Da ging es um abspringende Hemdenknöpfe, sich arglistig versteckende Brillen und solches mehr. Das war vor rund 150 Jahren, vorindustrielles Zeitalter, und Vischer hatte noch Zeit genug, Literaturwissenschaftler, Philosoph, Schriftsteller und Theologe zu sein. Und linksdemokratischer Abgeordneter im Frankfurter Paulskirchen-Parlament 1848. Ingenieur war er nicht; wie gesagt: vorindustrielle Zeiten.
Ingenieur war Edward A. Murphy jr. Der hob 1949 Vischers Erkenntnis auf die Höhe naturwissenschaftlicher Präzision. Seitdem lautet Murphys Gesetz: Was schiefgehen kann, geht auch schief. Es ist eindeutig; kein Jurist hat daran herumformuliert. US-amerikanische und britische Ingenieure haben Murphys Gültigkeit soeben tiefschürfend bestätigt. An dieser Stelle verlassen wir den Geltungsbereich ironischer Anspielungen und kommen zur Sache.
Der britische Öl-Multi BP und sein Vertragspartner Transocean bohrten vor rund 50 Tagen drei Kilometer unter Wasser im Golf von Mexiko nach Öl. Als dann unter der Bohr-Plattform Deepwater Horizon die Geschichte außer Kontrolle geriet, hinderten Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Vertretern beider Firmen die Rettungsarbeiten. Für die Havarie war auch nicht vorgesorgt; stattdessen hatten sich die Firmen an Ausnahmeregeln gehalten, die jegliche Unterlassung möglich machten. Ein Containment, also ein Schutzbehälter, der aus dem defekten Bohrloch herausschießendes Öl hätte auffangen können, musste erst angefertigt werden. Es stellte sich heraus, dass nicht einmal ein Sicherheits-Handbuch an Bord zur Hand war.
Die Versuche, das Leck zu stopfen, gingen erst mal gründlich daneben. Von Texas bis Florida sind Strände und Ufermarschen verseucht. Jetzt gelingt es anscheinend, wenigstens einen Teil des Öls aufzufangen. Das will BP künftig zugunsten einer Umweltstiftung für die betroffenen Regionen verkaufen. Gut gemeint; doch die Anlieger fühlen sich verhöhnt, weil es so sehr an Schuldbewusstsein mangelt.
Es ist besser zu schweigen
Der ölverschmierte Kormoran ist mittlerweile ein Wappenvogel der Katastrophe, ein US-amerikanischer Kormoran, dem schon deswegen weltweite Aufmerksamkeit zufällt. Erdöl-"Havarien" hat es reichlich gegeben (Torrey Canyon, Exxon Valdez, um nur zwei zu erwähnen), doch als Katastrophe wahrgenommen wurden vor allem die amerikanischen. Die USA konsumieren nicht nur mehr Öl und Ölprodukte als jeder andere Staat, sie produzieren und verbreiten auch mehr Nachrichten als jeder andere.
Das ist nach sieben Wochen auch den BP-Chefs klar geworden. Sie haben bei Google und deren Konkurrenten Werbeplatz gekauft (billig war´s wohl nicht); ruft man das Suchwort "Ölpest" oder Ähnliches auf, so steht obenan ein BP-Link. Satiriker und Kritiker nutzen diese Steilvorlage mit Begeisterung; PR kann BP nicht.
Der wohl größte Präsident der US-Geschichte, Abraham Lincoln, hätte für die Briten Rat gewusst: "Es ist besser zu schweigen und für einen Idioten gehalten zu werden, als zu reden und so alle Zweifel zu beseitigen."
Weshalb der Aktienkurs des Multis sinkt, als wäre er an die FDP gekoppelt, können die Havaristen gar nicht verstehen. Ein weiterer Beweis für die Gültigkeit von Murphys Gesetz und Lincolns Satz.
Karl Grobe ist freier Autor.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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