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Gastbeitrag zur Integrationsdebatte: Ohne erhobenen Zeigefinger

Trotz aller positiven Einzelbeispiele einer gelungenen Integration lautet die unbequeme Wahrheit: Migranten aus muslimischen Ländern sind auch nach der zweiten Generation weniger gut gebildet, sind weniger im Arbeitsmarkt verankert und sind an Gewaltstraftaten zahlreicher beteiligt als der Durchschnitt.

Sarrazins Buch rechtfertigt aus meiner Sicht keinen Ausschluss aus der SPD. Gewiss ist er ein Freund scharfer Worte; gelegentlich schreckt er auch vor Provokationen nicht zurück. Ich kenne ihn seit über dreißig Jahren und weiß, wie er nun einmal ist.

Als Berliner Finanzsenator zum Beispiel kommentierte Thilo Sarrazin eine üppige Ausstattung mit Lehrern und das miserable Ergebnis bei Pisa mit den Worten: „Damit ist der klare Beweis erbracht, dass Schulleistungen von Schülern umso schlechter werden, je mehr Lehrer man auf die Schüler loslässt.“ Später räumte er selber ein: „Das war natürlich Unsinn, aber es bescherte dem Thema die nötige Aufmerksamkeit.“ Die Berliner SPD hat diese Provokation ausgehalten. Und es ist ihr damals gut bekommen.

Jetzt wehrt er sich in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ dagegen, die Augen zu verschließen vor der Überalterung der deutschen Bevölkerung und einer misslingenden Integration – insbesondere muslimischer Migranten. „Seit Anfang der 60er Jahre ist die Geburtenzahl in Deutschland um rund 50 Prozent zurückgegangen“, schreibt Sarrazin. Mit der Folge, „dass die Generation der Enkel immer nur halb so groß ist wie die Generation der Großeltern“. Das sind Fakten.

Gleichzeitig habe sich seit den 1970er Jahren die Zahl der Ausländer mehr als verdoppelt, rechnet Sarrazin vor; „die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Ausländer blieb dagegen konstant“. Eine erfolgreiche Einwanderungspolitik sieht tatsächlich anders aus. Besonders bedrückend wird die Analyse bei einem Blick auf Menschen aus muslimischen Ländern: Ihre Integration scheitert oft, im Unterschied zu den übrigen Migranten, deren Probleme schon in der zweiten Generation kaum noch messbar sind.

Trotz aller positiven Einzelbeispiele einer gelungenen Integration lautet die unbequeme Wahrheit: Migranten aus muslimischen Ländern sind auch nach der zweiten Generation weniger gut gebildet, schreiben und sprechen schlechter Deutsch, sind weniger im Arbeitsmarkt verankert, empfangen höhere Transferleistungen und sind an Gewaltstraftaten zahlreicher beteiligt als der Durchschnitt. Kein Mensch will diesen Migranten ihre Identität nehmen; Sarrazin hat trotzdem recht: „Es reicht aus, dass Muslime unsere Gesetze beachten, ihre Frauen nicht unterdrücken, Zwangsheiraten abschaffen, ihre Jugendlichen an Gewalttätigkeiten hindern und für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen wollen.“

Am Ende des Buchs gibt er Politikern eine Reihe praktischer Vorschläge. Viele davon wurden in anderen westlichen Ländern erfolgreich umgesetzt. Sie würden aber einer beherzte, entschlossene Umkehr bedeuten – wie sie beispielsweise Präsident Clinton in den USA gelungen ist. Der einfache Grundsatz dazu lautet: „Man darf einen Menschen nicht grundsätzlich von der Verantwortung für sein Verhalten freisprechen.“ Es geht darum, Menschen zu helfen, aufrecht ihr eigenes Leben zu führen. In diesem Sinne warnte schon Willy Brandt in den 1970er Jahren davor, unsere soziale Sicherung dürfe nicht zur „Hängematte“ werden. Ich bin sicher: Brandt hätte im Fall Sarrazin auf die Kraft besserer Argumente gesetzt – statt eines Versuchs, ihn zu verbannen.

Sein zweites Thema in diesem Buch hätte Sarrazin freilich besser ausgespart: den Zusammenhang zwischen Intelligenz und genetischer Disposition. Da hat ihn ein Teufel geritten. Fachleute wie die mehrfach zitierte Elsbeth Stern wehren sich nun gegen verkürzte Zitate. Schade daran ist, dass Sarrazins Vorschläge keiner biologischen Begründung bedürfen. Seine Ausschweifungen zur Vererbbarkeit von Intelligenz sind keine tragenden Argumente.

Manch einer konnte so mit anscheinend gutem Gewissen der sachlichen Diskussion von Sarrazins konkreten und hilfreichen Vorschläge ausweichen und stattdessen die Person Sarrazin mit erhobenem Zeigefinger verdammen.

So kam es, dass ein Bundespräsident der Bundesbank hastig nahelegte, was zu tun sei, und dass die Kanzlerin sich weigern konnte, das Buch zu lesen. Sogar der SPD-Vorstand beantragte einen Parteiausschluss, noch bevor das Buch zu lesen war. Sigmar Gabriel behauptete auf dem jüngsten Parteitag gar, Sarrazin unterscheide zwischen „genetisch gewünschtem und unerwünschtem Leben“. Er fordere von der Politik, „das genetisch Gewünschte zu fördern und das Unerwünschte zu reduzieren“. Das hat Sarrazin in seinem Buch nicht geschrieben.

Vielleicht hilft es ja, wenn der Autor inzwischen vorsichtig andeutet: „Ich hätte vielleicht noch stärkere Trennlinien zwischen unterschiedlichen Argumentationssträngen ziehen sollen.“ Statt ihn auszuschließen, wäre die SPD klug beraten, auf dieser Grundlage das klärende Gespräch mit Thilo Sarrazin zu suchen.

Volker Hauff, SPD, war Bundesminister für Forschung und für Verkehr sowie 1989 bis 1991 Oberbürgermeister von Frankfurt am Main.

Autor:  Volker Hauff
Datum:  10 | 10 | 2010
Kommentare:  15
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