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27. Juli 2012

Olympia 2012 in London: Festival der Möglichkeiten

 Von Harry Nutt
Olympia 2012 in London.  Foto: dpa

Olympia nimmt keine Auszeit von den hässlichen Seiten des Weltgeschehens, es verhält sich dazu nur in besonders greller Form. Olympische Momente aber zeigen sich nicht nur im Gelingen.

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Kleine Testfrage: Welche dieser Sportarten – BMX-Radrennen, Kite-Surfing, Taekwondo und Boxen (Frauen) – ist 2012 olympisch? Dass auch ausgewiesene Sportkenner falsch liegen oder zumindest ins Grübeln kommen können, mag als Indiz dafür durchgehen, dass sich das olympische Wetteifern rasant von den Vorstellungen der Körperertüchtigung nach antikem Vorbild emanzipiert hat. Vielmehr treffen Athleten, die sich in der klassischen Methode des Diskuswerfens üben auf Sportler mit spezialgefertigten High-Tech-Geräten und wundern sich übereinander. Zwar begeht man die Olympischen Spiele noch immer getreu dem Motto „citius, altius, fortius“ (höher, schneller, weiter), aber nicht weniger emsig sind die vielfach wegen ihres Alters geschmähten Herren (weniger Damen) des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) darum bemüht, sich den gängigen Sporttrends und deren massenmedialer Attraktivität anzupassen.

Olympische Spiele gewähren längst auch eine Begegnung mit all den sonderbaren Dingen, die junge Menschen in ihrer Freizeit treiben. Der hehre Amateurismus früherer Tage wird dabei nicht vermisst, auch wenn es erhebliche Unterschiede zwischen den Sportarten bei der Erschließung von Einnahmequellen gibt. Des daraus resultierenden Sozialneids wissen die Sportler sich dezent zu enthalten. Es ist schon viele Jahre her, dass sich ein Handballspieler über die Arschlöcher mit ihren Rolex-Uhren mokierte und damit die schnöseligen Profis aus der Fußballsparte meinte, die keinen Hehl daraus machten, zu den besser verdienenden Akteuren im Olympischen Dorf zu gehören.

Mit Exzentrik kommt man auch bei Olympia weiter, aber darüber hinaus ist man nach Kräften darum bemüht, sich und seine Sportart bekanntzumachen. Die begabten Akteure hoffen inständig darauf, dass die Attraktivität ihres Tuns und die Begeisterung dafür endlich auch von einem größeren Publikum entdeckt und geteilt werden. Die Chance zum Durchbruch besteht immer, das ist eines der Betriebsgeheimnisse von Olympia. Nach den Spielen von 1972 widerfuhr dies in der Bundesrepublik dem Volleyballsport, ohne dass deutsche Sportler darin vorher oder nachher je herausragende Leistungen erbracht hätten. Aber nicht alle reüssieren im Kampf um öffentliche Wahrnehmung. Zwar können die Sportschützen nach Medaillengewinnen auf ein bisschen positive Aufmerksamkeit hoffen. Den Rest einer Olympiade müssen sie aber mit dem Image zubringen, eine Art Übungsgemeinschaft für Amokläufer zu sein.

Harry Nutt
Harry Nutt
 Foto: FR

Die ungebrochene Vitalität der Olympischen Spiele besteht aber in der Fähigkeit, die Wettkämpfe als Festival der Möglichkeiten zu präsentieren. Und wer es dorthin geschafft hat, kann die Aggregatzustände des Dabeiseins ausloten. Mit Anmut, Eleganz und einer Portion Sex-Appeal gelang es beispielsweise 1996 in Atlanta der in Polen geborenen Magdalena Breszka, der bis dahin bieder-uncool wirkenden Rhythmischen Sportgymnastik zu einem deutschen Sportereignis zu machen. Es kommt bei Olympia eben nicht nur aufs Siegen an. Ein gewinnendes Wesen vermag unverhoffte Laufbahnen für die Zeit nach dem Sport zu eröffnen. Dass all dies jedoch nicht plan- und vorhersehbar ist, macht noch immer den Reiz dieses 14-tägigen Schaulaufens unter strenger Beobachtung der Weltöffentlichkeit aus. Die Sieger nehmen nicht alles, auch wenn sie sich in unwiderstehlicher Pose das Dress von ihren Körpern zu reißen vermögen. Zu den olympischen Momenten gehören auch jene, in denen schüchterne Gewinner selig kundtun, dass sie Olympiasieger bislang nur aus dem Fernsehen kannten.

Die Vorfreude auf die Tage von London ist enorm, auch wenn Kritiker überzeugend darlegen können, dass keines der markanten Probleme des Sports gelöst ist. Die Doping-Methoden haben sich einmal mehr verfeinert, um auch diesmal wieder den verbesserten Kontrollmethoden zu trotzen. Die Kritik am ökonomischen Größenwahn und den wohl zu Recht nie verhallenden Korruptionsverdacht versucht das IOC gar nicht erst zu zerstreuen. Olympia nimmt keine Auszeit von den hässlichen Seiten des Weltgeschehens, es verhält sich dazu nur in besonders greller Form.

Bezeichnungen wie die olympische Familie und das viel beschworene Dabeisein wirken antiquiert. Nicht wenige halten die Betonung des olympischen Gedankens für verlogen. Aber dann tritt er doch in Erscheinung, etwa wenn Sportler aus Südsudan und Syrien die Möglichkeit erhalten, unter der olympischen Flagge anzutreten. Olympia zelebriert eben auch jene menschliche Leidenschaft, die sich nicht nur im Augenblick des Gelingens zeigt. Ab heute, in London.

Übrigens: Kite-Surfing soll 2016 das Windsurfing als olympische Disziplin ersetzen.

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