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08. August 2012

Organspende: System der Organspende neu ordnen

 Von Timot Szent-Ivanyi
Eine Niere wird einem Spender entnommen und rettet eine andere Person.  Foto: dpa

Die Frage, ob ein vom Tode bedrohter Mensch ein Organ bekommt oder einer, der noch eine hohe Lebenserwartung hat, ist keine medizinische Angelegenheit, sondern eine ethische.

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Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery gibt sich gern als ein Mann klarer Worte. Bei einem Interview vor gut einem Jahr geschah aber etwas Eigentümliches. Auf Nachfragen, wie denn nun genau eine Organentnahme ablaufe, wie der Körper des Spenders reagiere und wie sicher die Feststellung des Hirntodes sei, wurde der Ärztefunktionär ungehalten: „Zu viele Details verunsichern die Menschen nur.“

Diese Haltung ist symptomatisch für die gesamte Debatte über die Organspende. Seitdem die Fraktionschefs von SPD und Union, Frank-Walter Steinmeier und Volker Kauder, das Thema auf die Tagesordnung gesetzt haben, steht das Unterdrücken unangenehmer Fragen auf dem Programm. Das gilt nicht nur für die medizinischen Aspekte, sondern auch für die Strukturen des deutschen Transplantationssystems. Stattdessen war immer wieder von den drei Menschen die Rede, die laut Statistik täglich wegen fehlender Spenderorgane sterben müssen. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, allein eine höhere Spendenbereitschaft der Bevölkerung würde ausreichen, die bestehenden Probleme zu lösen.

Vertrauen fehlt

Die Organspende-Skandale in Regensburg und Göttingen sowie die zuvor schon aufgeflogenen finanziellen Unregelmäßigkeiten bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation zeigen jedoch eindrucksvoll, dass die Protagonisten allesamt falsch lagen. Nur einige Abgeordnete von der Linkspartei und den Grünen haben stets gefordert, das gesamte Transplantationswesen zu überprüfen, um mehr Organspender zu gewinnen. Sie haben früh erkannt, dass die Menschen nur überzeugt werden können, wenn sie Vertrauen in die beteiligten Institutionen und die Verfahren haben.

Eine große Chance ist vertan. Bei den Wenigen, die dieses Vertrauen noch hatten, dürfte es nun nachhaltig erschüttert sein. Ärzte und Politik stehen vor einem Scherbenhaufen, den sie selbst angehäuft haben.

Dabei hat es an Warnungen nicht gemangelt. Kritikwürdig ist schon die gesetzliche Basis, auf der hierzulande Organe verpflanzt werden. Das Transplantationsgesetz schreibt nur vor, dass für die Organvermittlung die Kriterien Erfolgsaussicht und Dringlichkeit nach dem Stand der Wissenschaft abzuwägen sind. Mit der Erstellung von Richtlinien wurde die Bundesärztekammer beauftragt, die aber nur eine Arbeitsgemeinschaft ist und demokratisch durch nichts legitimiert. Die Frage aber, ob ein unmittelbar vom Tode bedrohter Mensch ein Organ bekommt oder einer, der dann noch eine hohe Lebenserwartung hat, ist keine medizinische Angelegenheit. Die Antwort darauf ist eine ethische Norm, eine Werteentscheidung, mit der sich das Parlament zu befassen hätte.

Willkür nicht zulassen

Stattdessen fungieren nun Bundesärztekammer und die privatrechtlich organisierte Vermittlungsstelle Eurotransplant als Herren über Leben und Tod. Der Medizinrechtler Thomas Gutmann spricht sogar von Willkür. Er nennt als Beispiel die Richtlinie für das Organ Leber.

Bis 2007 wurden Patienten bevorzugt, denen man dank der Organspende eine lange Überlebenschance prognostizierte. Die Dringlichkeit spielte kaum eine Rolle. Dann wurden die Richtlinien ins Gegenteil verkehrt: Eine Leber bekommen nun diejenigen, die in Lebensgefahr schweben, unabhängig von der Erfolgsaussicht. Gutmanns Fazit: „Willkür in Fragen von Leben und Tod seiner Bürger kann ein Rechtsstaat nicht zulassen.“

Als höchst mangelhaft darf auch das Kontrollsystem gelten. Nicht staatliche Stellen überwachen die Prozesse, sondern eine Kommission tut das, die von den beteiligten Organisationen selbst gesteuert wird. Eine Information der Öffentlichkeit bei Fehlverhalten ist gar nicht erst vorgesehen. Das hat auch Konsequenzen für diejenigen Patienten, denen durch illegales Verhalten von Ärzten Organe vorenthalten wurden. Sie können keinen Schadenersatz geltend machen, weil sie von dem Unrecht nicht einmal etwas wissen.

Um Vertrauen wieder zu gewinnen und damit die Spendenbereitschaft signifikant zu erhöhen, wird es nicht reichen, hier und da an ein paar Stellschrauben zu drehen. Notwendig ist ein Neuanfang, eine komplette Neuordnung des Systems. Der Bundestag muss einen klaren und transparenten Rechtsrahmen für die Zuteilung von Organen setzen, die Organisation der Transplantationen und die Vermittlung müssen öffentlich-rechtliche Körperschaften übernehmen, die direkt der Kontrolle des Parlamentes unterstehen.

Denkbar wäre auch eine Bundesbehörde. Ein Gipfel mit allen beteiligten Institutionen, wie ihn jetzt Gesundheitsminister Bahr für Ende August plant, ist das falsche Signal. Wenn es darum geht, den Sumpf trocken zu legen, sollte man die Frösche nicht fragen.

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