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Gastkommentar zum Nahost-Konflikt: Palästina anerkennen

Israel muss seine Hand zum Frieden ausstrecken und einen palästinensischen Schwester-Staat begrüßen. Ein Leitartikel der israelischen Zeitung Haaretz.

Pälastinenser in Gaza feiern die Versöhnung von Hamas und Fatah.
Pälastinenser in Gaza feiern die Versöhnung von Hamas und Fatah.
Foto: REUTERS

Ein scheußliches Gespenst lässt Israel erschaudern – das Gespenst des palästinensischen Staats. Genauer gesagt, jagt dieses Gespenst Israels Führern bereits seit vier Jahrzehnten Angst ein. Die Angst wird nun ersetzt von einem Gefühl der Ratlosigkeit. Und das wächst weiter, während wir uns dem Tag nähern, an dem der palästinensische Staat in der Vollversammlung der Vereinten Nationen proklamiert wird – und das von einer beeindruckenden internationalen Mehrheit.

Trotz Israels verzweifelter Anstrengungen, diesen Prozess zu verzögern, scheinen die Würfel gefallen – ein palästinensischer Staat wird gegründet, und zwar bald. Jetzt ist die Frage, was Israel tun sollte – über Lobbyismus für die israelische Sache, das Verbreiten von Angst und das Ausdrücken von Befürchtungen hinaus.

Es wäre naiv, die Etablierung eines palästinensischen Staats – insbesondere ohne vorhergehende Verhandlungen oder eine Vereinbarung mit Israel – als die magische Lösung zu sehen, die den Konflikt abrupt beendet. Aber es ist nicht weniger naiv zu denken, dass es immer noch möglich oder auch nur hilfreich ist, die Gründung dieses Staats zu verhindern. Vielleicht ist das Gegenteil wahr: Wenn das Land dazu bestimmt ist, geteilt zu werden, wird Israel vielleicht davon profitieren, dass es heiter an der Wiege des entstehenden palästinensischen Staats steht, womöglich als einer seiner Ziehväter.

Israel kann seinen Status verbessern, wenn es sein Schicksal in seine eigene Hand nimmt. Es kann das erste Land sein, das die Bildung eines palästinensischen Schwester-Staats begrüßt, das ihm Glück wünscht, das seine Hand zum Frieden ausstreckt und das seinen Wunsch ausdrückt, über Grenzen, Flüchtlinge und Siedlungsfragen zu diskutieren, dieses Mal auf einer komplett anderen Ebene – als zwei souveräne Staaten.

Vielleicht wird ein so mutiger wie großzügiger Schritt Israel helfen, das Odium der Nicht-Legitimität abzuschütteln, die Verantwortung für das Flüchtlingsproblem sowie die Besatzung zu reduzieren, die ihm vorgeworfen wurde, und den Konflikt von einer religiösen Auseinandersetzung zu einem territorialen Disput umzudeuten. Auf einer taktischen Ebene kann Israel die Verantwortung, die von einem Staat erwartet wird, auch an die palästinensische Seite weiterreichen, unabhängig davon, wer dann die Regierung stellt.

Wie es seine Angewohnheit ist, preschte Premierminister Benjamin Netanjahu vor mit einer Verurteilung der Versöhnung zwischen Fatah und Hamas, anstatt einer palästinensischen Einheitsregierung erst mal eine Chance zu geben.

Selbst wenn sich die Palästinenser als Enttäuschung entpuppen sollten und der Schritt nicht die gewünschten Resultate zeitigt, wird eine Demonstration des guten Willens Israel helfen, vor den Augen der Welt Boden gutzumachen – hinsichtlich moralischer Integrität, guten Willens und ehrenvoller Absichten.

© Haaretz

Übersetzung: Peter Seidel, Jan Brügelmann

Datum:  4 | 5 | 2011
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