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Leitartikel: Pflege-TÜV: Verbessern statt verdammen

Die Pflegenoten bieten Bürgern eine Orientierung. Aber sie müssen endlich ehrlich werden. Geschönte Zahlen nutzen nur den schwarzen Schafen −
und die Heimbewohner baden es aus.

Der Pflege-TÜV hat Geburtstag. Vor einem Jahr begannen die Krankenkassen, ihre Bewertungen der Heime und Dienste für jeden nachlesbar ins Internet zu stellen. Das − so das vollmundige Versprechen − sollte den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen endlich Klarheit darüber verschaffen, wo Papa oder Mama gut aufgehoben sind, wenn sie zu Hause nicht mehr betreut werden können. Und wohin man keinesfalls gehen sollte.

Zum Einjährigen bekommt das Kind aber keine Glückwünsche zu hören. Im Gegenteil, es wird bemäkelt. Sozialgerichte verwerfen die Urteile, die die Prüfer veröffentlichen, als nicht aussagekräftig. Manche − wie Bayerns Sozialministerin Haderthauer − meinen sogar, es wäre besser, das Baby hätte nie das Licht der Welt erblickt. Die Kritiker bemängeln folgende Punkte: 1. Die Gesamtnoten sind viel zu gut. 2. Die Noten bieten ein verzerrtes Bild, weil sie als Durchschnitt errechnet werden. Schlechte Ernährung kann etwa durch eine gut lesbare Speisekarte ausgeglichen werden. 3. Es gibt keine K.o.-Kriterien, wonach ein Heim automatisch eine Fünf bekommt, wenn die medizinische Versorgung mangelhaft ist.

Sind die Pflegenoten also Mist? Wenn man sich zum Beispiel die Bewertungen der Frankfurter Heime ansieht, wimmelt es von Einsen und Zweien. Doch das Zeugnis ist aussagekräftiger, als die Oberfläche vermuten lässt. Ein Beispiel: Eine Einrichtung erhält die Gesamtnote 1,6 − Durchschnitt im Land Hessen. Bei den Bewertungen der Unterpunkte wird es interessant. Eine 1,0 gab es für Betreuung und Alltagsgestaltung sowie für die Wohnsituation. Die pflegerische Versorgung wurde hingegen nur mit 1,9 bewertet. Sieht man sich die Details dieser Unternote an, liest man, dass das Heim bei der Vorsorge gegen das Wundliegen durchfällt (Note 5) und die Behandlung der Geschwüre alles andere als dem aktuellen Stand entspricht (4,1).

Weiß man dann noch, dass die Notenskala so großzügig angelegt ist, dass ein Heim noch eine 1 bekommt, wenn es 87 Prozent der Anforderungen erfüllt, und es bei 45 Prozent noch eine 4 gibt, weiß man: Hier liegt eine große Schwäche der Einrichtung. Ein anderes Heim mit der Note 2,2 hält sich bei der Pflege nicht an die Vorgaben der Ärzte (5,0) und nimmt es mit den Medikamenten nicht so genau (4,8).

Der Versuch zeigt: Die Pflegenoten im Internet geben eine Orientierung, aber man muss sie zu lesen wissen. Wenn ein Heim eine 1 oder 2 bekommt, heißt das noch gar nichts. Mit drei Klicks im Internet kann der Interessierte aber Schwachstellen aufspüren. Schwer ist das nicht. Bis zur Einführung der Noten war es unmöglich, an die Prüfberichte über die Heime zu kommen, es sei denn der Betreiber legte sie freiwillig vor. Ein klarer Fortschritt also.

Doch um wirklich auf den ersten Blick aussagekräftig zu sein, muss das System endlich ehrlich werden. Das fängt bei der Notenskala an, die auf Druck der Pflegelobby zu freundlich gestaltet wurde. Man lässt auch nicht die Schüler darüber entscheiden, was ihrer Ansicht nach ein „sehr gut“ ist. Außerdem gehört die Gesamtnote abgeschafft. Sie ist überflüssig, wenn nicht sogar schädlich. Angesichts der vielen Missstände in deutschen Pflegeeinrichtungen wirken bundesweite Durchschnittsnoten von 1,9 (stationär) und 2,1 (ambulant) wie Beruhigungspillen für Politik und Gesellschaft. Und wenn Einrichtungen an entscheidenden Stellen wie medizinischer Versorgung oder Ernährung versagen, muss das klar herausgestellt und darf nicht mit marginalen Vorteilen an anderer Stelle verschleiert werden.

Die Pflegenoten sollen Transparenz schaffen. Darauf haben Pflegebedürftige wie Angehörige einen Anspruch. Das Schönen der Bilanz nutzt allenfalls den schlechten Pflegeheimen und -diensten. Und gerade auf die sollte keine Rücksicht genommen werden. Sie sollten durch das Aufdecken der Mängel gezwungen werden, die Missstände zu beheben oder den Laden dichtzumachen − im Interesse der alten und behinderten Menschen. Wenn die Pflegenoten nicht ehrlicher werden, kann man sie auch abschaffen und einfach die Prüfberichte der Kassen veröffentlichen, das wäre billiger.

Im Übrigen ersetzt keine Note den Besuch im Heim und die kritische Prüfung mit den eigenen Augen. Und für die, die ganz sichergehen wollen, hat der Pflegekritiker Claus Fussek einen Tipp: Fragen Sie den örtlichen Notarzt, den Rettungssanitäter und den Bestatter. Die wissen, wie es im Heim wirklich aussieht.

Autor:  Wolfgang Wagner
Datum:  2 | 9 | 2010
Kommentare:  3
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