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Leitartikel: PID: Endlich ein Ausweg

PID begrenzt zuzulassen, ist die richtige Entscheidung. Sie hilft Paaren – und viele sind es nicht – in einer Notsituation. Von einem Dammbruch kann keine Rede sein.

 Lilo Berg.
Lilo Berg.

Die Abgeordneten des Bundestages haben weise entschieden. Sie haben für die begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland votiert und damit eine Lösung gefunden, die vor allem den betroffenen Frauen entgegenkommt.

Leicht haben die Parlamentarier es sich mit ihrer Entscheidung nicht gemacht, und der Druck auf sie war groß. Monatelang breiteten Gegner und Befürworter ihre Argumente aus, vom drohenden Dammbruch war die Rede, von Designerbabys und anderen Monstrositäten. In dieser Diskussion, in der es vor allem um Weltanschauungen geht, gibt es kein richtig oder falsch. Im besten Fall folgt auf den respektvollen Austausch der Meinungen – so wie gestern im Bundestag geschehen – eine Entscheidung, mit der eine pluralistische Gesellschaft wie die unsrige leben kann.

Zwar sind nur rund 200 Paare im Jahr direkt von der PID-Entscheidung betroffen, und doch geht es hier wie in anderen Fragen der Biopolitik stets auch um eine ethische Selbstvergewisserung der Gesellschaft. Überdies sind neue Initiativen immer mit bestehenden Gesetze in Einklang zu bringen. Ein Verbot der PID hätte auch in dieser Hinsicht zu Verwerfungen geführt, etwa beim Abtreibungsrecht. Anders bei der begrenzten Zulassung, deren Vorzüge hoffentlich schon bald manchen Gegner überzeugen werden.

Künftig werden Paare die Möglichkeit haben, schwere genetische Schäden schon bei einer künstlichen Befruchtung feststellen zu lassen. Sie müssen nicht mehr, so wie bisher, auf eine Fruchtwasseruntersuchung im fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium warten. In dieser Notsituation haben sich viele Frauen für eine Abtreibung entschieden. Die dafür erforderliche medizinische Indikation ist legal zu bekommen. Aus diesem ethischen Dilemma eröffnet die PID nun einen Ausweg. Das ist vielleicht der größte Vorzug der neuen Regelung.

Ein weiterer Vorteil ist: Paare, die sich ihren unbedingten Kinderwunsch nicht auf natürlichem Weg erfüllen können und eine genetische Belastung haben, müssen für eine PID nicht mehr ins Ausland ausweichen. Dafür entscheiden sich bisher vor allem gut situierte Eltern in spe, die sich den kostspieligen Ausweg leisten können. In den meisten europäischen Ländern ist die Untersuchung nämlich seit Jahren erlaubt – ohne dass es zum hierzulande befürchteten Missbrauch der Methode gekommen wäre.

Ein Dammbruch ist auch künftig nicht zu befürchten. Warum sollte eine Bevölkerung, die aus Sorge um künftige Generationen ihre Kernkraftwerke abschaltet, plötzlich Designerbabys in die Welt setzen wollen? Wer Dammbrüche beschwört, hegt zudem tiefes Misstrauen gegen seine Mitmenschen. Er entwirft das Bild einer Welt, in der letzten Endes das Schlechte über das Gute siegt, einer Welt voller moralischer Schwächlinge, die strenger Führung bedürfen. Auf das Gewissen als Richtschnur individuellen Handelns geben diese Pessimisten nicht viel. In ihrem Eifer übertreiben sie gewaltig: Designerbabys zu schaffen sei nicht möglich, versichern Genetiker. Über die genetischen Grundlagen von Eigenschaften wie Intelligenz, Schönheit oder Gesundheit ist noch viel zu wenig bekannt. Das wird sich so schnell auch nicht ändern – und wenn doch, wird man sich erneut damit befassen.

Zu den Angstszenarien, mit denen wir es in den vergangenen Monaten zu tun hatten, gehört auch die drohende Diskriminierung von behinderten Menschen. Eine Legalisierung der PID spreche ihnen gewissermaßen im Nachhinein das Lebensrecht ab. Das ist absurd. Zwar ist es das Ziel der PID, gesunde Kinder auf die Welt zu bringen und keine schwer kranken Kinder. Was aber ist im Ernst dagegen zu sagen, Kindern, ihren Eltern und Geschwistern das Schicksal einer schweren Erbkrankheit zu ersparen?

Das Leben bringt Leiden mit sich, aber wo immer möglich, sollte man sie vermeiden. Deshalb setzen sich einige Behindertenverbände, darunter die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke, schon seit Jahren für diese Diagnosemethode ein.

Eine Garantie auf ein gesundes Kind bietet die PID übrigens nicht: Auch nach Anwendung der Methode kommt es gelegentlich zu Behinderungen, wenn auch anderen als den getesteten. Und Kinder mit körperlichen und geistigen Einschränkungen wird es auch künftig geben, auf natürlichem Wege gezeugt, von ihren Eltern gewollt und von der Gesellschaft so akzeptiert wie noch nie zuvor.

Autor:  Lilo Berg
Datum:  8 | 7 | 2011
Kommentare:  5
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