Der indische Subkontinent ist die neue Goldgrube der Kriegskaufleute. Indien hat China als größter Importeur von Rüstungsgütern abgelöst, Pakistan war zwischen 2006 und 2010 der viertgrößte Waffenkäufer der Welt. Dies geht aus dem jüngsten Bericht über den internationalen Waffenhandel hervor, den das angesehene Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri am heutigen Montag vorlegt.
Größte Exporteure von Kriegsmaterial bleiben die USA und Russland. Zusammengerechnet aber ist der Anteil der EU-Staaten am Waffengeschäft größer als jener der beiden früheren Supermachtsrivalen. Einen kräftigen Beitrag dazu liefert Deutschland, obwohl noch jede Bundesregierung sich zugutehielt, ihre Rüstungsexportpolitik „restriktiv zu gestalten“. In der Liste der Rüstungslieferanten nimmt Deutschland dennoch Rang drei ein. Der Export deutschen Kriegsmaterials wurde in der jüngsten Fünfjahresperiode nahezu verdoppelt. Global erhöhte sich der Umsatz im Waffenhandel in diesem Zeitraum um 24 Prozent. Sipri operiert mit fünfjährigen Perioden, um zufällige Schwankungen wegen einzelner Aufträge auszugleichen.
Dass China seine Waffeneinfuhren stark zurückfuhr, liegt nicht an plötzlich erwachten Friedensgefühlen; das Land investierte vielmehr in den Aufbau der eigenen Rüstungsindustrie. Stattdessen stieg Indien zum größten Käufer von Kriegsgut auf. Dies sei neben interner Sicherheitsprobleme vor allem auf den Konflikt mit Pakistan und wiedererwachte Spannungen gegenüber China zurückzuführen, sagt Sipri-Experte Siemon Wezeman. „Die militärische und politische Führung in Indien hat erklärt, dass man für einen möglichen Zwei-Fronten-Krieg gewappnet sein müsse.“ Während Indien vornehmlich von Russland mit Waffen versorgt wird, stützt sich Pakistan auf Kriegsgut aus den USA und China. 2010 war Pakistan bereits weltweit zweitgrößter Waffenkäufer.
China, das in der Fünfjahresperiode noch auf Rang zwei liegt, war 2010 nur noch zwölftgrößter Importeur, hat hingegen seine Exporte seit 2006 fast verdreifacht. China sei „noch nicht Selbstversorger mit Rüstungsmaterial“, schätzt Sipri-Experte Wezeman ein. Doch habe China das Geschäft so weit vorangetrieben, dass man nun „imstande und gewillt“ sei, „günstige Technologie zu günstigen Preisen und ohne große Bedingungen anzubieten“. Das ist nicht nur für ärmere Staaten interessant, sondern für alle Spannungsgebiete und Diktaturen, die anderswo auf den Verbotslisten stehen, wie Birma, Sudan oder Simbabwe.
„Intensiver Wettkampf“ präge den Waffenhandel auf den Hauptmärkten in Asien, Nahost, Nordafrika und Lateinamerika, sagt Sipris Programmdirektor Poul Horton. Gerungen wurde zum Beispiel um Kampfflugzeuglieferungen nach Brasilien und Indien. Ein nicht eben edler Wettstreit entbrannte zwischen Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien um Marineaufträge aus Algerien. Auch Libyen sei als Rüstungskunde zwischen Frankreich, Russland, Italien und Großbritannien heiß umworben gewesen, auch wenn Tripolis nach Aufhebung des Embargos 2003 nur relativ geringe Aufträge platziert habe, sagt Sipri-Forscher Pieter Wezeman.
Die USA (30 Prozent) und Russland (23 Prozent) sehen in diesem Rennen wie Gewinner aus. Doch gemeinsam halten die EU-Staaten mit 34 Prozent einen noch größeren Anteil am Waffengeschäft. Ein Großteil ihrer Verkäufe sind allerdings interne Transfers von einem EU-Land ins andere.
An der starken Stellung der EU-Staaten ist Deutschland als Waffengroßhändler maßgeblich beteiligt. Während das deutsche Exportvolumen in dieser Fünfjahresperiode um 96 Prozent gesteigert wurde, wuchsen die französischen Verkäufe nur um zehn, die britischen schrumpften um elf Prozent. Hauptabnehmer deutscher Waffen waren Griechenland (15 Prozent), das nun freilich sparen muss, Südafrika (11), die Türkei (10), Südkorea (9) und Malaysia (7). Zwischen 2006 und 2010 exportierten deutsche Firmen 2300 Panzerfahrzeuge, der Hauptumsatz aber kam von der Kriegsmarine.
Die USA verkauften Kriegsmaterial an 75 Länder, mehr als jeder andere, und rüsteten vor allem die Alliierten im „Krieg gegen den Terror“ mit Flugzeugen, Tanks und Panzerfahrzeugen aus. Russlands beste Kunden sind Indien und China – trotz russischer Ängste, dass die chinesische Industrie die Waffentechnologie kopieren und dann auf den Exportmärkten als Konkurrent auftreten werde.
Der (noch relativ kleine) Markt in Lateinamerika wuchs binnen fünf Jahren um 150 Prozent; Chile ist dort der größte Käufer. Auch in Afrika wird aufgerüstet. Der Anteil am weltweiten Rüstungshandel stieg von fünf auf sieben Prozent, auch in Konfliktregionen fließt der Nachschub. Uganda bezog Panzer aus Russland und Artillerie aus Israel, die Demokratische Republik Kongo Tanks aus der Ukraine, Nigeria Kampfflugzeuge aus China, der Sudan setzte in der Kriegsregion Darfur Luftwaffe aus Weißrussland und Panzer aus der Ukraine ein.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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