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15. Februar 2013

Profitgier im Gesundheitswesen: Falsche Manager in den Kliniken

 Von Ernst Girth
Medizinische Leistungen haben ihren Preis - aber müssen Krankenhäuser gewinnorientiert arbeiten?  Foto: imago stock&people

Es war eine politische Entscheidung, dass Krankenhäuser wie Wurstfabriken von Managern geführt werden. Und ein großer Fehler. Immer häufiger bekommen Patienten Behandlungen empfohlen, die nicht ihnen, sondern den materiellen Interessen von Ärzten und von Kliniken dienen.

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Laut einer Umfrage des Instituts Allenbach ist das Vertrauen der Bürger in das Gesundheitswesen in Deutschland so hoch wie lange nicht mehr. Wie passt das zusammen mit all den Medienberichten über die unzumutbar langen Wartelisten für nicht privat Versicherte bei Fachärzten, mit den Manipulationen bei der Verteilung von Spenderorganen, mit den Bonus-Verträgen von Chefärzten, die besser bezahlt werden, wenn sie öfter operieren, mit den unnötigen Operationen an Kniegelenken und Hüften – die Rate liegt um das Zwei- bis Dreifache höher als in vergleichbaren europäischen Ländern? Wie können die Patienten da zufrieden sein?

Als Kardiologe, der nur noch Patienten vor einer Entscheidung zur Herzkatheteruntersuchung oder anderen kardiologischen Eingriffen berät, erfahre ich fast täglich etwas anderes.

Immer mehr Patienten spüren, dass das, was ihnen empfohlen wird, oder auch wovon ihnen abgeraten wird, weniger mit ihrem Genesungswunsch als mit materiellen Interessen von Ärzten oder Kliniken zu tun haben könnte – meist zu Recht. Glücklicherweise wehren sich immer mehr Ärztinnen und Ärzte gegen die alltägliche Ökonomisierung ihrer Arbeit und wenden sich sogar Berufsverbände gegen die Vereinbarung von Zielgrößen für Eingriffe und Bonuszahlungen.

Gesundheitsversorgung wird ökonomisiert

In den Medien werden oft die guten Ärzte gegen die bösen gestellt und zudem die Patienten beschworen, sich kritischer mit ärztlichen Empfehlungen auseinanderzusetzen. Ärzte und Klinik-Rankings sollen hier Hilfestellungen leisten. Doch in den zahlreichen Veröffentlichungen wird zu wenig unterschieden zwischen Ärzte-Pfusch von un- oder unterqualifizierten Ärzten und der von der Politik gewünschten Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland.

Ärzte-Pfusch ist kein geringes Problem, aber grundsätzlich lösbar – durch mehr Kontrolle, mehr Rechte für Patienten, sich den Operateur ihres Vertrauens aussuchen zu können, und letztlich durch Gerichte. Die Ökonomisierung aller Bereiche des Gesundheitswesens jedoch haben nicht die Ärzte zu verantworten.
Krankenhäuser wie Wurstfabriken von Managern führen zu lassen, war eine politische Entscheidung. Alle politischen Parteien und die Krankenkassen waren dafür, die DRGs, die pauschale Bezahlung von Krankheitsbildern oder Eingriffen gegen massive Kritik von Fachleuten einzuführen. Die Folgen waren Rosinenpickerei bei den gut bezahlten DRGs, erhöhte Risiken durch „blutige“ Entlassungen oder ambulante Operationen und durch Bonusverträge geförderte unnötige Eingriffe.

Ich habe 25 Jahre als Krankenhausarzt vor Ort und gesundheitspolitisch gegen die Halbgötter in Weiß gekämpft, um in den letzten zehn Jahren meines Berufslebens feststellen zu müssen, dass die Krankenhäuser jetzt von Halbgöttern in Grau regiert werden. Jahrelang hat man den Ärzten (damals zu Recht!) eingeredet, sie würden ökonomische Grundsätze missachten. Nun haben die meisten Ärzte ihre Lektion in Ökonomie gelernt. Die andere Seite aber, das Krankenhausmanagement hat seine Pflicht, mehr über verantwortbare Medizin und Pflege zu lernen, sträflich vernachlässigt.

Zustand der Kliniken ist gewollt

Vor 20 Jahren haben die kritischen Ärzte selbstbewusst gesagt, dass das Krankenhaus keine Wurstfabrik ist. Nun müssen sie resigniert feststellen, dass es eben doch eine ist, wenn man eine daraus macht. Die Halbgötter in Weiß haben zu viel verdient, sicher auch die Karriere mancher anständiger Ärzte auf dem Gewissen. Jetzt verdienen die neuen Herren in Grau zu viel und leisten zu wenig. Vor allem aber ruinieren sie eine Kultur von Qualität, Fürsorge und Anstand in der ärztlichen Versorgung in unserem Land, die im Interesse der Kranken gar nicht genug angeprangert werden kann. Daran wird sich nur etwas ändern, wenn Patienten und Ärzte ihre gemeinsamen Interessen erkennen.

Der Zustand der Kliniken ist gewollt. Von der Politik und von den Krankenkassen. Dafür vor allem müssen die Patienten sensibilisiert werden, dort fallen die wichtigen Entscheidungen. Weder die Suche nach richtigen und falschen Ärzten oder Therapien im Internet noch die nach fragwürdigen Kriterien erstellten Ärzte-Rankings, noch die Qualitätssicherungsprogramme, die ihren Namen nicht verdienen, oder die Zertifizierungen, die letztlich Marketinginstrumente sind, werden den Patienten helfen, richtig behandelt zu werden.

Die Ärzte müssen sich wieder besinnen auf Ihre Verpflichtung, Menschen zu helfen. Darauf sollte man als Arzt stolz sein, ökonomischer Sachverstand hat sich dem unterzuordnen.

MediLeaks, die neue Internet-Plattform zur Bekanntmachung von Defiziten im Gesundheitswesen ist ein guter Anfang. Zivilcourage und Solidarität von Ärztinnen und Ärzten, für den Patienten und gegen ein inhumanes Patienten-Management sind aber durch nichts zu ersetzen.

Ernst Girth ist Menschenrechtsbeauftragter der Landesärztekammer Hessen.

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