Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

03. Februar 2015

Protest gegen Pegida: Die gute Wut gegen Fremdenhass

 Von 
Eine Übermacht von Gegendemonstranten protestiert gegen Pegida in Frankfurt.  Foto: dpa

Pegida und anderen Bewegungen am äußersten rechten Rand ist mit Argumenten nicht beizukommen. Die Fassungslosigkeit über tumben Fremdenhass darf ruhig auch mal in lauten und aggressiven Protest umschlagen. Eine Kolumne.

Drucken per Mail

Eigentlich müsste man über dieses Thema keine Silbe verlieren. Gewalt ist immer abzulehnen, Aggressivität ist hässlich und Wut ein schlechter Ratgeber. Erst recht gilt das, wenn nicht ein Einzelner gewalttätig ist, aggressiv oder wütend, sondern eine Menge Menschen. Die schaukeln sich dann gegenseitig hoch, stacheln sich an, geraten kollektiv in Rage. Wer könnte davon ein furchtbareres Lied singen als wir Deutschen. Kein Volk der Welt weiß besser als wir, wie schnell aus einigen ideologischen Wirrköpfen ein rasender Mob werden kann, der nicht mehr denkt, nicht mehr abwägt, nicht mehr nachsieht, sondern hasst, verfolgt und tötet.

Aufgrund dieser Lehre aus unserer Geschichte ist es unsere immerwährende Pflicht, die nachkommenden Generationen zu informieren und zu mahnen, das fatale Vergessen nicht zu vergessen. Sorgsam bedächtig wurde dies in den vergangenen Wochen getan, als sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 70. Mal jährte. Auf allen ernstzunehmenden Kanälen wurden Dokumentationen gezeigt, die das Grauen so zeigten, wie es in einem Filmbericht nur möglich ist. Die Realität war weitaus schlimmer.

Doch trotz aller Versuche, trotz Klassenfahrten an die Orte des Schreckens, trotz politischer Bildung an den Schulen, trotz alledem verblasst die Erinnerung in den Köpfen der Jugend immer mehr. Das ist einerseits gut, wenn junge Deutsche ohne Schuldgefühle jungen Franzosen, Engländern oder gar Israelis begegnen können. Doch andererseits?

Böller fliegen in Richtung der Islamgegner.
Böller fliegen in Richtung der Islamgegner.
 Foto: REUTERS

Es ist schließlich erst sieben Jahrzehnte her, dass uns schlagartig der rechte Arm herunterfiel und keiner von uns etwas gesehen haben wollte, geschweige denn an etwas Schuld getragen. Und kann sich das Ganze nicht von heute auf morgen wiederholen? Wer hätte 1932 gedacht, wie schnell alles kommen kann?

Umso mehr tut es gut, Menschen zu erleben, denen nicht alles egal ist. Gerade in Zeiten, da Fremdenhass, Islamophobie und Antisemitismus immer mehr aufkommen. Menschen, die auf die Straße gehen, zu Demonstrationen, so wie dieser Tage gegen Pegida. Dass diese sich am äußersten rechten Rand suhlt, muss hier ja wohl nicht mehr näher erläutert werden. Dagegen wenden sich Menschen, die nachdenken. Die besorgt sind, gar beängstigt.

Mehr dazu

Die einen gehen zu großen Kundgebungen, andere direkt dorthin, wo die Pegida-Leute sich treffen. Ihnen ist es zu wenig, nur durch pure Anwesenheit ihren Protest zu zeigen. Sie wollen die direkte Konfrontation. Wollen die sehen, die ihnen Angst machen. Dass ihre Furcht in Wut umschlägt, in traurige Wut, dass sie diese hinausschreien, wer soll ihnen das verdenken? Es sind viele ältere Menschen, aber auch sehr viele sehr junge. Unter zwanzig. Einige werfen Böller, Eier, Steine. Das ist nicht richtig. Das ist zu verurteilen. Doch ihre Wut, sie ist zu verstehen. Sie entstammt einem Unverständnis, einer Fassungslosigkeit, einer Ohnmacht gegenüber tumbem, durch nichts zu rechtfertigendem Menschenhass, dem mit Argumenten nicht mehr beizukommen ist. Und der Angst, es könnte wieder losgehen. Wer weiß, womöglich wäre der Welt viel Unheil erspart geblieben, hätten sich 1933 möglichst viele Menschen vermeintlich undemokratisch schreiend denen widersetzt, die da an die Macht strebten.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

US-Wahl

Washington wird künftig mehr verlangen

Von  |
Nach der ersten Redeschlacht hat Hilary Clinton den Vorteil auf ihrer Seite.

Clinton hat das TV-Duell, aber nicht die Wahl für sich entschieden. Sie wäre für Deutschland und die anderen EU-Staaten der bessere Partner. Die US-Politik wird sich ohnehin ändern. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Jenna Behrends

Überfällige Sexismus-Debatte in der CDU

Der Berliner CDU-Landesparteichef Frank Henkel weiß, wie er mit seinen Parteikolleginnen umzugehen hat.

Sexismus ist nichts, was die Berliner CDU exklusiv für sich beansprucht. Er findet sich in Parteien, Unternehmen und Verbänden. Eine breite Debatte darüber ist lange überfällig. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung