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19. Mai 2012

Rezension: Sarrazin im Faktencheck

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Thilo Sarrazin bringt ein neues Buch auf den Markt. Foto: dapd

Für Sonntag ist der Start der zweiten Sarrazin-Debatte angesetzt: Der Ex-Bundesbanker stellt bei Günther Jauch sein neues Buch vor. Am Beispiel seines Mega-Beststellers „Deutschland schafft sich ab“ zeigt jetzt ein neuer Wissenschaftsband, wie wertvoll Sarrazins Thesen tatsächlich sind.

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Ring frei: Am Sonntag startet der Bestsellerautor, Ex-Bundesbanker und Ex-Politiker Thilo Sarrazin als Gast von ARD-Talker Günther Jauch den Versuch, mit einer zweiten Streitschrift – diesmal ein Angriff auf den Euro – für medialen Trubel, öffentliche Debatten und üppige Verkäufe zu sorgen. Für Herbst ist zudem ein Buch seiner Gattin angekündigt, das noch einmal die Reflexe der ersten Sarrazin-Debatte bedienen will.

Da lohnt es sich, rechtzeitig vor Ausbruch des neuen kalkulierten Streits, noch einmal zum Ausgangspunkt des ersten Aufruhrs zurückzukehren und sich eins der meistverkauften deutschen Sachbücher der Nachkriegsgeschichte, „Deutschland schafft sich ab“, noch einmal ganz ernsthaft und unaufgeregt abzusehen: Dazu haben die Kommunikationswissenschaftler Michael Haller und Martin Niggeschmidt elf Autoren eingeladen, die mitbringen, was den meisten Diskutanten der Sarrazin-Debatte fehlte: Sachverstand auf genau den Feldern, die der Bundesbanker beackerte. Ihr Auftrag: Sarrazins Quellen, Fakten und Schlüsse seriöser wissenschaftlicher Prüfung zu unterziehen.

Im jüngst vorgelegten Kompendium „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz“ breitet sich also nicht das übliche Talkshowpersonal aus, das das Buch nicht gelesen hat - sondern hier haben Soziologen, Bildungswissenschaftler, Antisemitismusforscher, Psychologen, Intelligenzforscher, Evolutionsbiologen sowie Fachleute für Bevölkerungsdiskurs und Rassentheorien alle Fakten und Folgerungen, Fußnoten und Quellen Sarrazins genau seziert. Nicht die Integrationsdebatte, die es auslöste, beurteilen sie, sondern den Gehalt des Buches selbst, von dem der Autor und sogar seine intellektuellen Wasserträger wie Historiker Arnulf Baring bis heute behaupten, er wurde niemals faktisch widerlegt.

Man könnte nun sagen, spätestens mit diesem Band ist diese alte Leier hinfällig – würde die Aufsatzsammlung nicht vielmehr zeigen, dass fast jede seiner Quellen, Grundthesen und Kronzeugen lange vor Sarrazins Niederschrift als Irrglaube oder ideologisch motivierte Manipulation überführt waren.

„Aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts“

Denn obwohl Sarrazin das später bestritt, belegt Peter Weingart – Autor des Standardwerks „Rasse, Blut und Gene“ zur Geschichte der Rassenhygiene in Deutschland - , dass weite Teile des Sarrazin-Beststellers den Thesen der Eugenik folgen: einer Bewegung, die sozial- und gesundheitspolitische Ideologie mit der Wissenschaft vermischte und sie so zu legitimieren versuchte. Sarrazins Hauptargumente stamme sogar vom Vater der Eugenik-Bewegung, dem englischen Statistiker Francis Galton (1822-1911), und damit „aus der eugenischen Mottenkiste des späten 19. Jahrhunderts“: dass nämlich durch Kombination „guter“ Erbeigenschaften Rassen mit „guten“ Eigenschaften zu verbessern seien, dass aber Menschen mit „schlechten“ Eigenschaften sich „leider“ stärker vermehrten.

Der Aufstieg der heute dank der modernen Genforschung widerlegten Irrlehre hing mit der rasch wachsenden, ärmlich lebenden Arbeiterklasse zusammen. Wie Soziologe Rainer Geißler im Sammelband darlegt, blieben die damals damit verbundenen Abstiegsängste und verbalen Verteilungskämpfe seitdem und bis hin zu Sarrazin eigentlicher Grund und Triebfeder der immer neuen Bevölkerungsdiskurse – mit besonderer Konjunktur in Krisenzeiten. „Es waren schon immer die ,Falschen‘, die am meisten Kinder bekamen“, fasst Historiker Thomas Etzemüller die 200 Jahre alte Debatte zusammen. „Hätten die Niedergangspropheten Recht behalten, müsste sich Deutschland schon unzählige Male abgeschafft haben.“

Sarrazins frisierte Datenbasis

Da Sarrazin den „Volkstod“ nun als Verblödung Deutschlands malt – eine den kapitalistischen Bedürfnissen angepasste Variation des „kranken Volkskörpers“ früherer Autoren – ist für sein Buch die Annahme zentral, Intelligenz sei vererbbar. Seine Behauptung, daran gebe es „keinen seriösen Zweifel“ überführt ihn aber endgültig der Faktenmanipulation, wie die versammelten Experten mit vielerlei Belegen zeigen.

Erstens besteht die aktuelle Intelligenzforschung regelrecht aus dem Abwägen gerade dieser Zweifel, wie die Psychologen Leonie Knebel und Pit Marquardt spannend beschreiben. Regelrecht peinlich für Sarrazin wird es, wenn der Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, Diethard Tautz, ihn darauf hinweisen muss, dass Intelligenz keine monogenetische Eigenschaft ist, die nach den Mendelschen Gesetzen vererbt wird – wie der Ex-Banker laienhaft, aber umso sturer behauptet.

Zweitens stützt Sarrazin sich auf teils lächerliche Statistiken wie IQ-Tests von Afrikanern, die die Testsprache und die zu erklärenden Elektrogeräte gar nicht kannten oder von Sarrazin selbst frisierte Mikrozensus-Daten, die flugs alle Einwanderer aus der Türkei und Israel zu Moslems machen, alle Afghanen und Pakistaner aber nicht. Wenn der Bildungswissenschaftler Coskun Canan schließlich aufblättert, dass schiitische Moslems in Deutschland deutlich bessere Bildungsabschlüsse erreichen als alevitische Moslems, aber auch als christliche Einwanderer aus „muslimischen“ Heimatländern, sind Sarrazins Schlüsse auf den Einfluss der Religion im Bildungsverhalten endgültig ad absurdum geführt. Nicht zufällig erfassten frühere Bildungsstudien die Religion gar nicht mehr, weil ihnen klar schien, dass die statistisch geringe Bildung katholischer Kinder nicht an der Religion lag – sondern daran, dass unter Land- und Arbeiterkindern als den anderen beiden Bildungsverlierer-Gruppen eben besonders viele Katholiken waren.

Die Agenda hinter der Irrlehre

Vor allem aber kann Sarrazin nicht entgangen sein, dass die Kontroverse um das von ihm als Kronzeuge benutzte US-Vorbild „The Bell Curve“ seit 1994 ganze Bibliotheken füllt – wie gleich mehrere Autoren des Bandes ausführen. Spekulativ bleibt zwar, ob Sarrazin von den methodischen Fehlern und absichtlichen Trugschlüssen wusste, die dieses Buch zweier US-Wissenschaftler und deren Umfeld aus rechtsradikalen und sozialdarwinistischen Stiftungen und Zitierkartellen auszeichnet. Interessant und entlarvend sind die Hintergründe des immerwährenden „Versuchs, die Ungleichwertigkeit von Menschen zu beweisen“ aber allemal, die etwa die Psychologen Leonie Knebel und Pit Marquardt, aber auch die Aufsätze ihrer Kollegen in angenehm lesbarem Ton ausbreiten.

Ärgerlich, aber immer wieder verlässlich schildern sie auch die Erfolge, die die Forderungen nach Kürzungen von Sozialhilfe und nach dem Ende des gleichberechtigten Bildungszugangs für Kinder aller Schichten regelmäßig feiern – bis hin zu Bill Clintons Sozialhilfekahlschlag von 1996.

So kommt der neue Sammelband leider etwas zu spät, um die erste Sarrazin-Debatte von 2011/11 noch zu beeinflussen. Er lohnt aber allein als erhellende Einführung in die Geschichte politisch motivierter Wissenschaften aller Couleur. Und was die „Thesen“ Sarrazins angeht, taugt der Band eben als Appell, sich vor künftigen Debatten tatsächlich mit dem Streitobjekt auseinanderzusetzen. Thilo Sarrazin wäre schnell als politisch motivierter Wiedergänger uralter Scheinwissenschaften entlarvt gewesen – und Deutschland hätte womöglich eine seriöse Integrationsdebatte führen können.

http://www.von-galton-zu-sarrazin.de

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