Rhein-Main ist ein Ballungsraum der Gesundheitsgefahren. Die Menschen im Verkehrsknotenpunkt der Republik, an dem es zudem nach wie vor wichtige Industrien gibt, leben mit allen Vor- und Nachteilen, die die besondere Lage mit sich bringt.
Zu den Nachteilen gehört die besonders hohe Belastung der Luft mit schädlichen Stoffen genau so wie der Lärm von Autos, Flugzeugen und Eisenbahnen. Hierunter haben Kinder und Kranke besonders zu leiden, aber auch arme Familien, die sich nur das Wohnen in ungünstiger Lage leisten können.
Wann sind die Grenzen der Belastbarkeit erreicht? Um diese Frage geht es im Kern, wenn Bürgerinitiativen und Parteien nach einer Gesamtbelastungsstudie für das Rhein-Main-Gebiet rufen. Eine solche Studie liegt bis heute nicht vor.
Der Überraschung über die Aussage von Umweltministerin Silke Lautenschläger, dass das geforderte Werk inzwischen erarbeitet und veröffentlicht sei, folgt Enttäuschung.
Denn die Studie, auf die sich die Ministerin bezieht, löst die Erwartungen bei weitem nicht ein. Lautenschläger dürfte das geahnt haben. Sonst hätte sie sich längst mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit gewandt.
Dieses Gutachten ist nicht das, worauf die Region gewartet hat. Das Werk ist für den Laien fast unlesbar. Es berücksichtigt nur zwei von vielen Stoffen, die die Gesundheit belasten, und beschränkt sich auf wenige Orte in der Rhein-Main-Region. Lärm kommt gar nicht vor, auch nicht die Quecksilber-Belastung.
Auf die Frage, wie künftige Kraftwerke die Belastung weiter erhöhen würden, gibt die Studie immerhin eine Antwort. Der geplante Ausbau des Flughafens hingegen spiegelt sich darin nicht wieder - als ließe sich die Lebenssituation der Menschen ohne diesen Faktor bewerten. Es wäre niemand auf die Idee gekommen, diese gut 100 Seiten für die erhoffte Gesamtbelastungsstudie zu erklären, wenn Lautenschläger das nicht behauptet hätte.
Dabei mögen die Hoffnungen auch zu hoch sein, die Umweltschützer in ein solches Werk setzen. Denn eine Antwort auf die Kernfragen, wie viel Gesundheit wir brauchen und wie viele Abstriche daran wir für eine florierende Wirtschaft und Infrastruktur machen wollen, können nur Politik und Gesellschaft geben.
Diese Debatte erhält durch das vorliegende Papier immerhin neue Nahrung. Denn es zeigt, dass mit neuen Kraftwerken ein Anstieg von Feinstaub und Stickstoffdioxid droht. Das sind ausgerechnet jene Substanzen, bei denen die Grenzwerte sowieso ständig gerissen werden. Gerade im Rhein-Main-Gebiet braucht es Überlegungen, wie dieser Missstand beendet werden kann.