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29. April 2013

Russland: Warum die Russen keine Opposition können

 Von Angelina Davydova
Wer in Russland auf der Straße laut seine Meinung gegen den Kreml äußert, muss mit Konsequenzen rechnen.  Foto: dpa

Die russische Gesellschaft ist in Gruppen gespalten, die nur wenige Werte, Visionen und Erwartungen teilen. Das verhindert einen Erfolg der Protestbewegung gegen die Herrschenden. Ein Standpunkt.

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Die aktuelle Situation Russlands bietet derzeit nur wenig Anlass zu Hoffnung für all jene, die sich dort der Protestbewegung vor einem Jahr angeschlossen haben oder ihr zumindest nahe standen. Und obwohl das Protestpotenzial nach wie vor groß ist, bleibt doch die bittere Erkenntnis, dass die Bewegung ins Stocken geraten ist. Deshalb ist es nun an der Zeit, auch über Bevölkerungsstrukturen und deren Widersprüche zu sprechen. Natalia Zubarevich, Direktorin des regionalen Forschungsprogramms des Unabhängigen Instituts für Soziale Politik, vertritt die Auffassung, dass man derzeit von mindestens vier parallel nebeneinander lebenden russischen Gesellschaften sprechen muss, in denen zwar die gleiche Sprache gesprochen wird, die aber sonst nicht viel gemein haben. Die erste Gruppe, die kreativen, wütenden Bürger, machen etwa 20 Prozent der Bevölkerung aus.

Es sind Büroangestellte und kleine bis mittelständische Unternehmer, Vertreter der kreativen Klasse, qualifizierte Fachkräfte in schlecht bezahlten Branchen wie Bildung und Gesundheit sowie Leute aus wissenschaftlichen und akademischen Zirkeln. Für sie sind das Internet und die sozialen Netzwerke ihre erste und wichtigste Informationsquelle. Die meisten von ihnen sind mobil und durchaus bereit, sich an soziale und ökonomische Veränderungen anzupassen. Doch sind sie zunehmend unglücklich mit dem wachsenden Ausmaß an Korruption, dem Mangel an Investitionen und besseren Jobangeboten. Sie leiden nicht nur materiell, sondern auch mental an der allgemeinen Stagnation.

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Russland II fürchtet Veränderungen

Das zweite Russland, das rund 25 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist oft in mittelgroßen Industriestädten zu finden. Diese Gruppe ist gekennzeichnet durch eine geringe Mobilität und Wettbewerbsfähigkeit. Die Menschen von Russland II sind meist in großen, wirtschaftlich ineffektiven Unternehmen beschäftigt und weitgehend schutzlos gegenüber den ökonomischen Veränderungen. Sie befinden sich in einem aufreibenden Kampf um ihre Arbeitsplätze und soziale Rechte. Infolgedessen ist Russland II anfällig für jede Art von Versprechen, das einen schnellen Wandel verheißt sowie Stabilität und die Verbesserung der Lebensqualität in Aussicht stellt.

Die größte Gruppe stellt Russland III dar. Es umfasst 38 Prozent der Bevölkerung. Sie wohnen in Kleinstädten, Dörfern und Siedlungen auf dem Land und leben in erster Linie auch vom Land. Die politischen Entscheidungen in Moskau betreffen diese Gruppe allenfalls bedingt. Russland III ist weitgehend von Moskau entkoppelt. Die Menschen betrachten sich als politisch uninteressiert und stellen somit ein sehr geringes Protestpotenzial dar, welches höchstens ansteigen könnte, wenn sich ihre wirtschaftliche Situation verschlechtert, das heißt, Renten und Gehälter nicht oder nur unregelmäßig bezahlt werden.

Russland IV lebt in Konfliktzonen

Russland IV schließlich ist das Russland der ethnischen Republiken des Nordkaukasus und Südsibiriens, die rund 6 Prozent der Bevölkerung ausmachen und deren Leben stark durch die Konflikte der lokal herrschenden Clans sowie der ständigen Neuverteilung der Macht und das Aufeinanderprallen der ethnischen und religiösen Konflikte geprägt ist. Für Russland IV ist Stabilität von relativ geringer Bedeutung, da es sich auf reguläre Staatsgelder und Investitionen stützt.

Natalia Zubarevich zufolge gibt es nur wenige Gemeinsamkeiten an Werten, Erwartungen oder Visionen einer gewünschten Zukunft zwischen diesen vier Hauptgruppen. Zudem sind sie kaum untereinander vernetzt. Paradoxerweise könnte ausgerechnet die starke Tendenz zur Nutzung der neuen Medien und der sozialen Netzwerke einen negativen Effekt für die Protestbewegung haben. Die Menschen in Russland tendieren traditionell dazu, sich einen Kreis von Freunden zu schaffen und sich in homogenen Gruppen aufzuhalten. Konflikte und Konfrontationen sollen nach Möglichkeit vermieden werden.

Viele Russen neigen dazu, sich denen anzuschließen, deren Haltungen sie weitgehend teilen. Abkapselungstendenzen sind unübersehbar. In gewisser Weise zerfällt die russische Gesellschaft zwischen einer Post-UdSSR und der Web-2.0-Gesellschaft.

In Russland manifestiert sich eine starke digitale Kluft. Während die institutionellen, zivilgesellschaftlichen Strukturen allenfalls schwach ausgebildet sind, versagt die steigende Nutzung der sozialen Netzwerke darin, ihre kommunikativen Möglichkeiten zu erfüllen. Die digitale Kluft trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei. Die verschiedenen Gruppen der Bevölkerung treffen so gut wie nie aufeinander und erarbeiten keine gemeinsamen Problemlösungen oder Verhandlungsmechanismen.
Vor einem Jahr drehte sich viel darum, auf die Leute zuzugehen, um Protestideen zu anderen Gruppen der Bevölkerung zu tragen. Von heute aus gesehen war diese Vorstellung ein wenig naiv. Aber es geht noch immer um Kommunikation und um die Zeit, die Ideen und Ziele reifen lässt.

Angelina Davydova ist freie Journalistin aus St. Petersburg. Aus dem Englischen: Nicole Lindenberg.

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