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10. September 2014

Salafisten: Propheten der Angst

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Der islamistische Prediger Sven Lau, auch Abu Adam genannt, spricht in Köln auf einer Veranstaltung von Salafisten.  Foto: dpa

Wir, die Guten, müssen uns mit aller Gewalt vor den bösen Salafisten schützen, sagen konservative und rechte Politiker. Aber wer einfach Angstreflexen folgt, löst das Problem nicht. Der Leitartikel.

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Kein Krieg kommt ohne Propaganda aus. Mit ihrer Hilfe gelingt es den Mächtigen, das Volk auf eine einfache Sicht der Welt einzuschwören, in der die Guten (wir) sich gegen die Bösen (die anderen) stellen müssen. Denn nur was böse ist, kann man guten Gewissens bis zur Vernichtung bekämpfen. Für Grautöne, für Differenzierungen ist im Krieg kein Platz. Was das mit den Menschen, mit ihren Idealen und Werten macht, davon können nicht nur die Ukrainer eine Menge erzählen. Es wird schwierig sein, den Hass je zu überwinden, den Politiker und Medien sowohl von prowestlicher als auch von prorussischer Seite säen.

Auch in Deutschland tobt der Krieg, zumindest in den Köpfen. Glaubt man den Propagandisten der rechten und konservativen Parteien, so geht es auch hier darum, die Guten (uns, unsere westlichen Werte, die Demokratie) gegen das Böse (die Salafisten) zu verteidigen. Wer möchte widersprechen, wenn der Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU) die Verteidigung „unseres von Toleranz geprägten Lebensstils“ fordert oder CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach davon spricht, den Rechtsstaat gegenüber jenen, die die Scharia propagieren, zu schützen? Oder dem Leipziger AfD-Kreischef Uwe Wurlitzer, wenn er für mehr Bürgerbeteiligung beim Erteilen von Baugenehmigungen wirbt? Gefährlich sind solche Äußerungen trotzdem. Denn mit ihrer Verknappung der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit auf die einprägsame Formel des „Wir gegen die“ greifen sie gerade die Werte an, deren Schutz sie zu dienen meinen.

Der salafistische Prediger Pierre Vogel auf einer Kundgebung mit rund 300 Anhängern in Hamburg.  Foto: dpa

Die Botschafter der deutschen Leitkultur haben es leicht. Ihr Vehikel ist die Angst. Sie wächst mit jedem Bericht über ein missglücktes Attentat an einem deutschen Bahnhof, mit jeder Meldung über Koran-Verteilungsaktionen in Fußgängerzonen und vor Schulen, mit jedem Beitrag über einen jungen Mann, der sich gen Syrien aufgemacht hat. Die Dokumentationen des IS-Terrors, der jede Menschlichkeit mit Füßen tritt, tun ihr Übriges.

Wie viele diese Angst teilen, zeigt das Unbehagen, das sich in der U-Bahn breitmacht, wenn ein junger Mann mit dunklem Vollbart den Waggon betritt. Sie klingt durch am Kneipentresen und am Abendbrottisch, wenn tolerante Bildungsbürger nach Verboten rufen. Sie manifestiert sich in den Zehntausenden Unterschriften verunsicherter Leipziger, die am liebsten keine Moschee in ihrer Stadt sähen.

Diese Angst ist nur allzu menschlich. Dass sie in keinem Verhältnis zur realen Gefahr steht, spielt keine Rolle. Von den derzeit rund vier Millionen Muslimen in Deutschland sind laut Verfassungsschutz etwa 6000 Salafisten. Die meisten von ihnen sind politisch aktiv und propagieren keine Gewalt, auch wenn ihre Ideologie als idealer Nährboden für die Radikalisierung junger Menschen gilt. Ernst nehmen müssen wir diese Angst dennoch – um sie überwinden zu können.

Ursachen der Angst bekämpfen

Die einfachen Lösungen, die die Singhammers, Bosbachs und Wurlitzers anbieten, taugen dafür nicht. Die Scharia-Polizei macht uns Angst? Dann sperren wir sie weg! Die Salafisten machen unsere Kinder zu Terroristen? Dann verbieten wir sie eben! Die Moscheen sind uns fremd? Dann sorgen wir per Volksentscheid dafür, dass keine gebaut werden! Und ansonsten mahnen wir unsere deutschen Bürger zu mehr Wachsamkeit (leere Koffer, bärtige Männer) und sorgen per Rüstungsetat dafür, dass unsere Demokratie „wehrhaft“ ist.

Es ist verlockend, diesen Angstreflexen nachzugeben. Doch eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft darf genau das nicht tun, sondern muss vielmehr die Ursachen der Angst bekämpfen. Das ist keine Kuschel-Pädagogik aus der Multi-Kulti-WG, die vor der Bedrohung durch gewaltbereite Islamisten die Augen verschließt, weil sie nicht in ihr Weltbild passt. Es ist der einzige Weg, Fremdenhass und Intoleranz dauerhaft die Stirn zu bieten.

Dabei darf es nicht darum gehen, die IS-Gräuel zu verharmlosen oder die Bedrohung durch Extremisten kleinzureden. Vielmehr muss es gelingen, Jugendlichen mit oder ohne Migrationshintergrund die Werte zu vermitteln, die wir für besser als die der Salafisten erachten. Ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben. Das kann nur gemeinsam mit muslimischen Gemeinden geschehen, mit einem gut ausgestatteten Netz von Jugendarbeitern, Bildungsprofis, Behörden, Anti-Rassismus-Aktivisten und Religionsvertretern. Und es kann nur gelingen, wenn die Meinungsmacher, allen voran die Politiker aller Lager, jeden Tag aufs Neue deutlich machen, dass Islam und Terrorgefahr nicht zwangsläufig zusammengehören.

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Das klingt selbstverständlich, gerät aber angesichts der Bedrohung durch IS, Boko Haram oder Al-Shabaab immer mehr in den Hintergrund. Wer über friedliche Muslime spricht, während die Scharia-Polizei durch Wuppertal zieht, wird schnell der falsch verstandenen Toleranz bezichtigt. So laufen wir Gefahr, die Freiheit und die Demokratie in unserer Gesellschaft von innen zu unterhöhlen, lange bevor sie von außen angegriffen werden.

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