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Kolumne: Schlag aus dem Dunkeln

Skandal! Brüssel will uns 22-stellige Kontonummern aufzwingen. Wer soll sich das denn merken?

 Eckhart D. Stratenschulte
Eckhart D. Stratenschulte

Halb Deutschland ist noch im Urlaub, da trifft uns dieser Schlag aus dem Hinterhalt: Die Europäische Kommission will uns zwingen, von 2013 an 22-stellige Kontonummern zu benutzen. Damit soll der Überweisungsverkehr in Europa erleichtert werden. In der Tat klagen Geschäfts- und Privatleute darüber, wie kompliziert und teuer es nach wie vor ist, Geld von Deutschland nach Belgien oder von Estland nach Frankreich zu schicken. Insofern macht es natürlich Sinn, die Kontonummern europafest zu machen, was ja die Voraussetzung dafür ist, dass Geld von A nach B leicht und schnell fließen kann.

Das aber ist deutschen Hirnen offenbar nicht zuzumuten. 22 Stellen. Die Bundesregierung fürchtet vor allem um ältere Menschen, die davon verwirrt sein würden, und der Verbraucherverband klagt, dass je länger die Zahl sei, desto größer die Chance, dass man sich verschreibe.

Die ganze Sache ist läppisch – und doch symptomatisch. Alles soll sich verbessern – aber dabei darf nichts verändert werden. Selbst technische Anpassungen werden zu Bedrohungen der Gesellschaft stilisiert. Nur gut, dass die Bundesregierung, die ja sonst keine Probleme hat, uns schützt. Finanzminister Schäuble hat, so hört man, schon sein energisches Veto eingelegt. So kann man sich gleichzeitig von Europa abgrenzen. Wenn es Krach in der eigenen Hütte gibt, braucht man einen Feind draußen. Und als Sündenbock ist die EU immer gut – auch wenn dort kein Beschluss ohne deutsche Beteiligung in Rat, Parlament und Kommission gefällt wird.

Schäubles Staatssekretär steuert den tollen Vorschlag bei, man könne doch innerhalb Deutschlands weiterhin andere Kontonummern benutzen als im internationalen Verkehr. Warum fordert im Bundesrat eigentlich niemand Länderkontonummern, die könnten doch dann kürzer sein? Aber die neuen Kontonummern sind nur die Spitze des Eisbergs. Es ist ja nicht nur möglich, dass Menschen anderen aus Versehen Geld überweisen, sondern auch, dass sie etwas Falsches ordern, weil sie an der langen Bestellnummer scheitern. Warum kommt aus dem Hause Schäuble keine Gesetzesinitiative zur Begrenzung von solchen Zahlencodes? Sind Zahlenkolonnen nicht überhaupt menschenfeindlich? Ein schwedisches Möbelhaus verkauft seinen Kram doch auch dadurch, dass es seinen Regalen Vornamen gibt – wobei allerdings die Frage erörtert werden sollte, ob nicht ältere Menschen an schwedischen Vornamen scheitern könnten. (Ist das Billy-Regal so erfolgreich, weil sein Name einfach ist, und wird dadurch der Markt verzerrt?)

Viele erinnern sich an die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen nach der deutschen Vereinigung. Auch damals wurde das Schlimmste befürchtet, die Kommunikation in Deutschland bräche zusammen, war zu hören, und vor allem die Senioren, die ja die Deppen schlechthin zu sein scheinen, könnten nun ihren Enkeln keine Briefe mehr schreiben, da sie ja eine fünfstellige Postleitzahl nie und nimmer behalten (und offenbar auch nicht aufschreiben) könnten. Aber Deutschland hat diese ungeheure Herausforderung bestanden, auch wenn die Oma heute E-Mails schickt. Das sollte uns Mut machen für die nächste große Bewährungsprobe. Herr Schäuble könnte sich in der Zwischenzeit um das Staatsdefizit kümmern, das hat auch nur 13 Stellen – vor dem Komma.

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.

Autor:  Eckart D. Stratenschulte
Datum:  16 | 8 | 2010
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