Am Samstagabend legte sich Fassungslosigkeit wie eine Bleidecke über Deutschland. Das Entsetzen schien greifbar, die Ratlosigkeit unermesslich. Spätestens seit Sonntagmittag mischt sich grenzenlose Wut in die tiefe Trauer über die Toten von Duisburg. Seither ahnen wir, dass Erwachsene nicht nur nicht in der Lage waren, die überwiegend jungen Besucher der Loveparade zu schützen. Sie sind auch unfähig, ihr Versagen anzuerkennen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.
Die Wut richtet sich zuerst gegen den Duisburger OB Adolf Sauerland. Er erklärt allen Ernstes, er müsse im Amt bleiben, weil er für die Aufklärung der schrecklichen Vorkommnisse gebraucht werde. Dabei konnte sich die Republik schon am Sonntag davon überzeugen, wie sogenannte Verantwortliche versuchen, die Wahrheit zu verschleiern. So wurde zunächst nahegelegt, viele der toten Raver seien beim Versuch, schneller auf das Festivalgelände zu kommen, abgestürzt − also selbst schuld. Heute ist klar: Kein einziges der Opfer erlag Verletzungen nach einem Sturz, alle starben, weil sie erstickten. Und allen Ablenkungsmanövern zum Trotz stimmt, was Journalisten sofort gemeldet hatten: Bis zu der Massenpanik gab es einen einzigen Zugang zum Festivalgelände.
Die sogenannten Verantwortlichen lehnen es ab, ihre Schuld zu tragen. Sie ist ihnen zugewachsen, weil sie der ihnen anvertrauten Aufgabe nicht gerecht wurden, das Sicherheitsbedürfnis der Bürger höher zu bewerten als Profitinteressen eines Veranstalters oder den Wunsch nach einer Imagepolitur für die eigene Metropole. Die Amtsträger haben eine Veranstaltung verantwortet, die nicht zu verantworten war.
Selbstverständlich ist es zwar den Ermittlern vorbehalten zu klären, wer letztlich wann entschieden hat, Zu- und Fluchtwege zu öffnen oder zu schließen, ob die Besucherszenarien unrealistisch waren und ob es genug Ordner gab. Doch schon jetzt ist klar, dass die sogenannten Verantwortlichen aus Respekt vor den Toten sagen müssen: Mich trifft Schuld. Ich habe mich auf einen Veranstalter verlassen, der anders als behauptet keine Erfahrung hatte, weil die Loveparade nie vorher auf einem einzigen Gelände tobte. Ich habe Warnungen überhört. Weil ich als OB die Sache durchziehen wollte und weil ich als Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe mitgemacht habe. Weil ich nicht den Mut hatte, den die Kollegen in Bochum aufgebracht haben, als sie die Parade absagten. Ich bitte um Verzeihung. Ich trete zurück.
Gewiss: Die Toten würden nicht lebendig. Und der Rücktritt könnte juristisch als Teilgeständnis gewertet werden. Doch selbst wer argumentiert, jeder habe das Recht, sich zu schützen, wird zugeben, dass die Herren ihr Amt mindestens ruhen lassen müssten, bis klar ist, durch wessen Versagen 21 Menschen starben.
Diese Schuld vor sich zuzugeben, muss schwerfallen. So schwer, dass es keinem der Beteiligten gelingt. Der OB befindet sich in schlechter Gesellschaft nicht nur seines Dezernenten. Auch der Veranstalter Rainer Schaller sucht lieber die Schuld bei der Polizei, statt glaubhaft zu bedauern. Die Polizei verweist auf frühe Warnungen und massive Fehler des Veranstalters.
Bis Mittwochabend ist aus der Phalanx jener, die in den Augen der Öffentlichkeit Schuld trifft, keiner ausgebrochen, um zu seiner Verantwortung zu stehen. Offenbar hat sich in dieser Gruppe unter dem Druck der Kritiker eine Legende gebildet, die Loyalität schafft. Wir, so mögen sie sich sagen, wollten Duisburg vom Schmuddel-image befreien und sind dafür Risiken eingegangen. Das haben viele gesehen und uns nicht aufgehalten. Wir wurden noch von Medien und Kulturhauptstadtmachern angetrieben, von den Ratsmitgliedern unterstützt. Wer will den ersten Stein werfen? Wir haben es doch nur gut gemeint. Und jetzt sollen wir den Kopf hinhalten …
Dieser Verteidigungswall wird nicht halten. Mit jedem Detail, das die Ermittler zutage fördern, wird deutlicher werden, wo zentrale Fehlentscheidungen gefallen sind. Bald schon wird einer die Nerven verlieren. Vielleicht sogar zuerst ein unterer Verwaltungsangestellter, der eine Unterschrift wider besseres Wissen geleistet hat und einsieht, dass hier nichts zu verteidigen ist. Er wird glücklicher sein als jene, denen die Kraft zu diesem Eingeständnis fehlt. Denn nur wer Schuld eingesteht − vor sich und vor anderen −, kann auf Vergebung hoffen. Man muss kein Christ sein, um zu verstehen, dass Verantwortung zu tragen der einzige Weg ist, die Last ein wenig zu mildern.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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