Am Sonntag rief der Vorsitzende des libyschen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, den Beginn einer neuen Zeit aus. Und er rief noch etwas: „Allahu Akbar!“ tönte über den Platz in Bengasi. Das neue Libyen wird, das bestätigte Dschalil nochmals, islamischer sein als das alte. Eine provisorische Verfassung sieht den Islam als Quelle der Rechtsprechung. Dies an sich bedeutet jedoch noch nicht viel. Es kommt darauf an, wie es in die Praxis umgesetzt wird. In Libyen gibt es eine breite Schicht moderater Muslime. Sie haben sich darüber geärgert, dass Gaddafi die Religion für seine Zwecke gekapert hatte. Er setzte sich gerne über die Meinung wichtiger Gelehrter hinweg und führte beispielsweise einen eigenen islamischen Kalender ein.
Gaddafis Tod bedeutet für viele Gläubige also auch eine Befreiung des Glaubens. Viele wünschen sich einen frommen Muslim an die Macht. Wer sich an die Gebote Gottes halte, könne kein Diktator sein, so die Logik. Recep Tayyip Erdogan ist ihr Vorbild. Ob sich diese moderate Haltung im neuen Libyen durchsetzt, ist allerdings fraglich. Bei den Kämpfen gegen die Gaddafi-Truppen übernahmen in den vergangenen Monaten zunehmend radikal-islamische Gruppen die Führung. Das Ausbalancieren der Machtansprüche und Vorstellungen ist eine der großen Herausforderungen, vor denen die Übergangsregierung in Libyen jetzt steht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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